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University of the Sunshine Coast: Ein Jahr studieren mit wilden Kängurus

Hinweis: Bitte beachtet, dass dies die “Nur-Text-Version” des Berichtes ist. Die pdf Version mit zusätzlichen Grafiken und Bildern findet Ihr unter folgendem Link (0.2 MB).

Eigentlich war ich völlig entspannt, als ich an meinem ersten Uni-Tag morgens gen Hörsaal aufbrach. Das dachte ich jedenfalls bis Tony, einer der Securitymitarbeiter in meinem Studentenwohnheim, mir noch einen guten Rat mit auf dem Weg gab: „Tritt fest auf den Boden“, sagte er ernst, „wegen der Schlangen.“ Und ergänzte: „Fass bloß keine Spinne an, egal wie klein sie ist und versuch um Himmels Willen nicht, eines der wilden Kängurus zu streicheln!“. Hochgiftige Schlangen und Spinnen? Boxende Kängurus? Auf einen Schlag wurde mir klar: Ich bin in Australien und mein zukünftiger Uni-Campus liegt mitten in einem Naturschutzgebiet.

Nach meinem ersten wagemutigen Gang vorbei an Schildern, die mich einmal mehr vor Schlangen und Riesenbeuteltieren warnten, kam ich endlich an der University of the Sunshine Coast an. Was ich wusste war, dass sie die jüngste und wohl auch eine der sonnenreichsten Unis Australiens ist. Was ich nicht wusste war, dass ich von nun an in kleinen Vorlesungen mit oft nur 40 Teilnehmern und Tutorien mit acht bis maximal 20 Personen meinen Lernalltag bestreiten werden würde.

Es ging familiär zu in den Seminarräumen an der Uni zur „Sonnigen Küste“. Professoren, Studenten und Dozenten duzten sich, ungeachtet des Alters oder des akademischen Grades. Darüber hinaus waren die Lehrveranstaltungen insgesamt viel diskussionsfreudiger und praxisbezogener, als ich es von Deutschland gewohnt war. Alle meine Dozenten und Tutoren kamen aus der Medien-Branche, was die Vorlesungen und Seminare spannender und informativer machte. „Wir sind dafür bekannt, dass wir unsere Studenten auf den späteren Beruf vorbereiten“, sagte Universitätsleiter Paul Thomas am Eröffnungstag. „Wir möchten nicht nur Theorien wälzen.“ Thomas hatte nicht gelogen und fortan war jeder Tag, sowohl während der Vorlesungen, als auch in meiner Freizeit, ein Abenteuer für sich.

Zwar wusste Sicherheitsmann Tony alles über Schlangen und Kängurus, aber dass nach etwa zwei Tutorien mein Hirn leer sein würde, davor hatte er mich nicht gewarnt – Zeit für ein Päuschen in der Mensa. Verglichen mit Mainz war diese zwar nahezu winzig, aber dafür dudelte aus den Lautsprechern beim Essen schon mal Songs von Gwen Stefani oder Robbie Williams. Am Nachmittag hatte ich schließlich die Qual der Wahl. Sollte ich im Swimmingpool des Studentenwohnheims und beim Beachvolleyball entspannen oder lieber dem nahe gelegenen Strand einen Besuch abstatten und schauen, wie es mit meinem Talent zum Surfen aussieht? Ich hatte mich an diesem Tag fürs Surfen entschieden. Zum Glück, denn das hatte nicht nur riesigen Spaß gemacht sondern sorgte zudem für die nötige Abkühlung, denn zwischen den Surf-Pausen las es sich leichter für den nächsten Kurs. Für mich hatte sich der Nachmittagsausflug jedenfalls gelohnt. Nicht nur weil das Lesepensum erheblich höher als erwartet war, sondern auch, weil mich eigentlich jeder Strandtag in Queensland bräuner machte.

Der Abend war auch eine Bereicherung. Ich lernte bereits am ersten Tag viele sympathische Studenten kennen. Es ging mit den Bekanntschaften Schlag auf Schlag. Keine Zeit, sich einsam zu fühlen. Aus flüchtigen Bekanntschaften wurden tiefe Freundschaften, wie beispielsweise mit den einheimischen Studenten Crystal und Lachlan, meinem mexikanischen Surf-Partner Luis, Alan aus Chile und Sooyun aus Südkorea. Immer wieder wurde mir bewusst, wie multikulturell Australien ist und wie aufregend es ist, internationale Freundschaften zu schließen.

Meine beiden Auslandssemester konnten unterschiedlicher nicht sein. Kaum hatte ich die verdienten Semesterferien mit Reisen an der Ostküste Australiens und in Neuseeland hinter mich gebracht, ging es an der Uni rasant weiter: Vom einfachen ‚study abroad’-Schnupper-Studenten zum 5-Sterne-Bachelor-Hardcore-Workaholic!
Fünf Sterne, weil mir nach zahlreichen Diskussionen mit viel Überredungskunst und der Einstellung „gib mir eine Herausforderung und ich nehme sie an“ die absolute Ausnahme gewährt wurde. Nämlich, als internationaler Student statt maximal vier Kurse pro Semester, fünf Kurse abzuschließen. Dadurch konnte ich am Ende des Semesters einen Bachelor-Abschluss in ‘Communication’ machen. „Wenn Du das wirklich machen willst, ist kein Nebenjob mehr möglich“, warnte mich der verantwortliche Dozent Bruce Williams. „Das bedeutet kaum Parties mehr und Du bräuchtest einen Zeitmanagement-Plan“. Meine australischen und vor allem auch internationalen Studienfreunde erklärten mich seitdem zwar für verrückt, aber mit dem richtigen Willen war der Bachelor möglich!

Ich habe in meiner Zeit an der Sunshine Coast gelernt, wie Mexikaner tanzen, Japaner Sushi machen, Südamerikaner trinken, Kenianer politisch diskutieren und Australierinnen küssen. Vor allem aber habe ich durch das australische WG-Leben mit „charming Stuart“, der lebenslustigen Kim und der verschreckten Katie begriffen, was Australier zu Aussies macht: „Wir lieben jede Art von Sport und Bier, laden gerne zum Barbecue ein, sind offenherzig und ´laidback` und genießen das Strandleben beinahe das ganze Jahr über“, fasste Stuart diesen Lifestyle zusammen.

Einzigartig war vor allem die Begegnung mit dem Aboriginal Lyndon. Das Treffen mit ihm organisierte das International Office unserer Uni. Lyndon zeigte uns, wie wir genügend Puste für das Didgeridoo-Spiel bekommen, wie der Bumerang auch tatsächlich wieder zurück kommt und was hinter der Geschichte der Aboriginals steckt. Nach der Begegnung habe ich auch selbstständig nachgeforscht und mich längere Zeit mit Melanie Syron unterhalten. Sie ist eine Aboriginal und Beauftragte für die indegene Bevölkerung an meiner australischen Universität. Sie gab mir zahlreiche neue Einblicke in die Welt der Ureinwohner: „Auch wenn ich eine sehr weiße Hautfarbe habe, bin ich immer noch eine Aboriginal“, so Syron zunächst scherzhaft. „Aber die Australier sollten nicht versuchen, unsere Arbeits- und Verhaltensweisen in ihr Bildungsmuster zu pressen. Das kann und wird nicht funktionieren“.
Diese neuen Erkenntnisse intensivierte ich in nächtelangen Diskussionen mit meiner amerikanischen Studienfreundin und der engagierten Indianerin Rebekah. Das Thema war wohl das heikelste und sensibelste, das ich mit meinen australischen Freunden diskutiert habe. Wenn es um das Verhältnis der Australier zu ihren Ureinwohnern geht, spalten sich die Meinungen. Hauptursache hierfür sind wohl Halb- bzw. Unwissenheit. Interessant war, dass ich vielen internationalen Studenten immer wieder Fragen zur deutschen Geschichte beantworten musste. Neben der Deutschen Wiedervereinigung musste ich mich sehr oft den Fragen zum Nationalsozialismus und dem Dritten Reich stellen. Auch dadurch habe ich einiges gelernt. Egal ob Australier, Amerikaner, Mexikaner oder Israelis – jeder Mensch trägt die Geschichte seines Landes in sich, dessen Inhalt in die jeweilige Diskussion mit einfloss.

Neben wahnwitzigen Aktionen, wie bei einem Zyklon der Stufe 2 zu surfen, Weihnachten bei einer australischen Familie im Swimmingpool zu erleben oder mit den internationalen Studenten meiner Uni ein Wochenende auf Fraser Island zu verbringen, konnte ich nach einem mystischen Phänomen forschen. Nämlich: Läuft das Wasser in Australien tatsächlich andersherum ab als in Deutschland? Diese Frage kann ich heute beantworten. Nach ausgiebiger Recherche und arbeitsintensiven Stunden beim Herausziehen von Stöpseln aus verschiedenen australischen Badewannen bin ich mir jetzt sicher: Tatsächlich läuft das Wasser anders herum ab und Schuld daran ist die Coriolis-Kraft!

Was bleibt nach insgesamt 363 Tagen in Australien? Sicher die schönen Erinnerungen an Menschen, Landschaften, Ereignisse, Gefühle, aber auch an ein abwechslungsreiches Studium an der University of the Sunshine Coast, das für mich immer einzigartig bleiben wird. Rückblickend zählt dieses Jahr zu einem der schönsten in meinem Leben und das nicht nur, weil mir die Box-Erfahrungen mit einem Känguru erspart geblieben sind, von einem Schlangenbiss auf dem Weg zur Vorlesung ganz zu schweigen.

Danke an das Ranke Heinemann-Institut, das mir dieses Auslandsstudium in der Vorbereitung erleichtert hat und für mich als Ansprechpartner während meines Aufenthalts an der Sunshine Coast stets da war.

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