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Bei Stress immer cool bleiben

Zu spät! Jetzt ist es passiert, und ich kann es leider nicht mehr ändern. Ich habe es erst gar nicht gemerkt, obwohl die die Symptome schon seit einer ganzen Weile spürbar waren: Ich hatte ständig so ein Grinsen im Gesicht, bin Tagträumereien nachgehangen, hatte schon morgens beim Aufstehen gute Laune. (Naja, auβer wenn ich jetzt schon um halb 7 aus den Federn musste, dann vielleicht nicht, man muss es ja auch nicht übertreiben mit der guten Laune...) Wie auch immer, was ich sagen wollte ist: Hilfe! Es hat mich voll erwischt!
Dabei hat mich meine beste Freundin doch noch auf meiner Abschiedsparty in Deutschland zur Seite genommen und gesagt: „Nicht dass du dich in Australian verliebst und dableibst!“ „Nein, Quatsch, natürlich nicht!“, habe ich da wohl geantwortet. Ups. Versprechen gebrochen. War jetzt aber echt keine Absicht, sorry... Ich konnte einfach nicht anders: Die vielen netten Leute hier, immer locker drauf und super hilfsbereit. Brisbanes Innenstadt mit den viele alten Häusern, den Parks mit riesigen Bäumen, den gemütlichen Kneipen... Die Strände, die Sonne (auch wenn sie mir manchmal etwas zu schaffen macht, ist man ja als Mitteleuropäer nicht gewohnt diese Temperaturen...), all das hat es mir schwer angaten. Selbst die Uni (auch wenn ich mich wie eine Streberin fühle, wenn ich das sage. Aber so ist es halt nun mal.) Ich bin so begeistert, da musste ich mich einfach in Australien vergucken. Oder in Brisbane, wie auch immer. Hier studiere ich seit Juli diesen Jahres das „Graduate Certificate in Journalism“ an der University of Queensland. Und eigentlich wollte ich mich im Dezember wieder auf den Weg Richtung Heimat machen, zurück ins winterliche Deutschland, um weiβe Weihnachten im Kreise der Familie zu feiern. Aber ich werde mich in den nächsten Wochen wohl eher auf den Weg zum Reisebüro machen, 100 Dollar auf den Tisch legen und meinen Flug um ein halbes Jahr nach hinten verschieben. Und Weihnachten mal anders feiern: Statt Geschenken unterm Tannebaum fruchtige Cocktails am Strand oder so...
Meine offizielle Erklärung für die Daheimgebliebenen lautet: „Mein Studium bringt mir so unglaublich viel, dass ich unbedingt weitermachen will. Auβerdem habe ich gemerkt, dass ich noch etwas länger brauche, um auf Englisch richtig gut schreiben zu lernen. Und „Graduate Diploma“ hört sich doch irgendewie besser an als „Graduate Certificate“, findet ihr nicht? Ein Diplom kennt man auch bei uns, damit finde ich bestimmt leichter einen Job.“ Das alles entspricht der Wahrheit. Mein Studium macht sehr viel Spaβ und ich habe hier eine Menge gelernt. Aber ich habe meinen Lieben daheim verschwiegen, dass das nicht der einzige Grund für mich ist, hier zu bleiben. Dass ich verliebt bin müssen die jetzt nicht wissen, sonst machen die sich nur Sorgen, dass ich gar nicht wiederkomme oder so.
Jaja, die Liebe. Hat natürlich auch ihre Aufs und Abs. Wenn ich nicht dieses „Kribbeln im Bauch“ hätte, hätte ich es mir vielleicht schon längst anders überlegt und wäre im Dezember wieder Richtung Heimat gedüst. Es ist nämlich leider nicht immer alles „easy“ hier. Die Uni ist ganz schön hart, das könnt ihr mir glauben. (Aber bitte, bitte jetzt nicht abschrecken lassen!!! Man kann es alles schaffen, und die meisten Dozenten sind total hilfsbereit. Aber man muss, entschuldigt den Ausdruck, zwischendurch wirklich den Hintern zusammenkneifen.) Ich kann jetzt natürlich nur für die University of Queensland sprechen. Aber was diese Uni angeht, da spreche ich nicht nur aus meiner eigenen Erfahrung. Immer, wenn ich jemanden von den anderen Deutschen treffe, die ich hier kennen gelernt habe, sehen unsere Gesapreche in etwa so aus: „Na, wie gehts denn?“ „Ja, ganz gut, bis auf die....“ Und dann fällt auch schon das fiese Wort: Assignments. Bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch der internationalen Studenten soviel wie „Aufgaben, die man im Laufe des Semesters regelmäβig abgeben muss und die benotet werden“. (Sonst wärs ja alles halb so wild, wenn die nicht benotet würden). Das sind Hausarbeiten, Papers, oder, in meinem Fall, Reportagen und Zeitungsartikel.
Bei mir sind es drei pro Kurs, inklusive der Klausuren am Ende. Und die meisten anderen Deutschen haben auch nicht weniger Assignments, egal was sie studieren. Die einzigen, die sich nicht beschweren, sind die Naturwissenschaftler: Die kennen das anscheindend alles bereits aus Deutschland. Aber gerade für Geisteswissenschaftler ist es eine Umstellung: Anders als bei uns hat man nicht zwei Monate in den Semesterferien Zeit, um eine Hausarbeit zu schreiben, sondern das muss alles drei Wochen nach der Vorlesungszeit über die Bühne sein. Also, wenn ihr ein Austauschsemster machen wollt, und keine vier Kurse nehmen müsst, nehmt drei. Oder fangt mit vier an, und schmeiβt nachher was raus, wenn ihr könnt. Macht das Unileben viel stressfreier. Wenn ihr, wie ich, vier Kurse nehmen müsst, dann gilt: Nicht verrückt machen lassen. Ich habe hier echt gelernt, relaxter an viele Dinge ranzugehen. (Müsste jetzt in diesem Moment eigentlich eine Reportage schreiben, die in wenigen Tagen fertig sein muss und dann 50 Prozent der Endnote ausmacht. Aber immer mal locker bleiben und erst mal einen kleinen Erfahrungsbericht für die zukünfitigen Ranke-Heinemann-Austauschstudenten verfassen.) Das letzte Mal, wo ich dann doch ziemlich nervös wurde, war als ich die Tage bis 12 Uhr nachts an einem Assignment saβ, dass am nächsten Morgen fertig sein musste. Irgendwann war ich fertig, (mit dem Assignment und auch mit den Nerven), habe alles zugemacht und wollte schon ins Bett gehen. Da habe ich plötzlich bemerkt, dass ich, übernächtigt wie ich war, die endgültige Fassung meines Assignments nur im temporären Ordner gespeichert habe. Und auf den konnte ich jetzt komischerweise nicht mehr zugreifen... Der Albtraum eines jeden Studenten war soeben zur bitteren Realität geworden: Mein Assignment war futsch. Verloren in den virtuellen Abgründen meines Computers. In solchen Fällen ist es immer wichtig, erstens die Nerven zu behalten und zweitens ausreichend Kaffee im Haus zu haben.
Was ich mit dieser kleinen peinlichen Geschichte sagen will: Wer ein gutes Zeitmanagement hat, ist hier klar im Vorteil. Ich habe mein Assignment zwar noch pünklich (d.h. fünf Minuten vor Abgabetermin) eingereicht. Aber ich war danach so müde, dass ich abends nicht mehr anständig das Semesterende feiern konnte.
Sehr schön ist, dass man mit seinem Assignment-Stress nicht so allein ist. Es geht allen so. Mit „allen“ meine ich alle anderen ausländischen Studenten. Und zumindest in den Postgraduate-Kursen sind das oft sehr viele. Ich habe einen Kurs, der sogar komplett aus „international students“ besteht. Ist sehr interessant, das sitzen Leute aus China, Thailand, Kolumbien und Deutschland zusammen und lernen gemeinsam, journalistische Texte auf Englisch zu verfassen. Ich muss sagen, ich war sehr erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, die so verrückt ist, Journalismus in einer Fremdsprache zu studieren.
Dass alle dieselben (sprachlichen) Sorgen und Nöte haben, schweiβt zusammen: Wir helfen uns gegenseitig aus, bilden Lerngruppen... Oder gehen zu zweit in den Gerichtssaal, denn so versteht man doppelt so viel. (Wir mussten einen Zeitungsbericht aus dem Gerichtssaal schreiben. Man muss sich die Situation ungefähr so vorstellen: man sitzt hinten im Raum hinter einer Plastikwand, ständig kommen Leute rein und gehen wieder raus, Richter und Anwälte unterhalten sich, dir den Rücken zu gewandt, in gedäpfter Lautstärke auf Fachchinesisch – und da soll man noch was verstehen! Deshalb sind wir irgendwann zu zweit gegangen und das hat die Sache wirklich einfacher gemacht.) Die Dozenten lassen in solchen Fällen übrigens auch immer mit sich reden, sie sind wirklich hilfsbereit den ausländischen Studenten gegenüber. Man muss einfach nur Mund aufmachen, wenn man ein Problem hat.
Wie ihr seht: Es kann hier schon mal stressig werden und vielleicht habt ihr zwischendurch auch mal echt den Kaffee auf. Aber so habt ihr wenigestens keine Zeit für Heimweh. Und das Wichtigeste ist echt: Cool bleiben. Öfter mal was Nettes unternehmen, um sich vom Unistress abzulenken. (Sehr schöne Strände hier sag ich nur). Und immer schön Muttersprachler suchen, die eure Aufsätze etc. Probe lesen. Oder den Service nutzen, den zumindest die University of Queensland anbietet (die anderen bestimmt auch). Die haben sogenannte „Learning Adviser“, die euch bei Englischproblemen helfen. Wissen viele gar nicht. Ist aber wirklich gut. Also schön davon Gebrauch machen. Es gibt übrigens noch ne ganze Reihe anderer Services, die die Uni anbietet, u.a. Seminare und Beratung zu Time Management, oder einen Kurs, wie man besser mit Geld umgehen kann. (Ähem, mein Konto ist allerdings trotzdem schon wieder im Minus. Aber vielleicht bring es euch ja was...).
So, ich hoffe ihr habt mindestens genauso viel Spaβ in Australien, wie ich! Und macht euren Lieben nicht dieselben leeren Versprechungen wie ich, dass ihr auf jeden Fall zum geplanten Datum wieder kommt und euch auf gar keinen Fall verliebt. Klappt sowieso nicht!
Viele Grüβe aus Down Under!
Maria

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© by Institut Ranke-Heinemann - Studium/Studieren in Australien und Neuseeland, 2010