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BERICHT ZUM AUSLANDSSTUDIUM 2003/04

Name: Matthias Bräuer
Studienfach: Medieninformatik
Heimatuniversität: Technische Universität Dresden
Zielland: Australien
Universität: The University of Melbourne

Nachdem ich in den Wochen vor dem Abflug beinah Tag und Nacht für zwei Projekte und die Vorbereitung einer Prüfung gearbeitet hatte, stieg ich am 9. Juli erleichtert und doch etwas wehmütig in das Flugzeug. Ich würde Dresden und viele gute Freunde für ein Jahr nicht sehen, andererseits war ich natürlich auch voller Erwartungen und Vorfreude auf mein Auslandsjahr „down under“.

Nach 20-stündigem Flug kam ich recht erschöpft in Melbourne an, mit dem eigenartigen Gefühl im Bauch, niemanden auf dem gesamten Kontinent zu kennen. Glücklicherweise funktionierte der Abholdienst der Universität problemlos und so wurde ich sicher zu dem ebenfalls von der Uni organisierten Hotel gefahren, wo ich sehr freundlich empfangen wurde. Auch der Fahrer hatte schon ein paar gute Tipps parat und so merkte ich gleich am ersten Abend etwas, was mir in den folgenden Tagen noch öfters auffallen würde: die Menschen hier sind ungemein freundlich und hilfsbereit und sehen die meisten Dinge recht locker und unkompliziert.

Die folgenden Tage verbrachte ich dann neben dem Erkunden der Stadt und des Uni-Geländes überwiegend mit der Suche nach einer dauerhaften Wohnung. Es herrscht zwar keine Wohnungsnot in Australien, trotzdem kann so eine Suche recht lange dauern und viel Nerven kosten. Um diese Zeit des Jahres (also kurz vor Semesterbeginn) bewerben sich nämlich bis zu 20 Leute um ein Zimmer in den hier sehr beliebten Wohngemeinschaften, so dass man schon sehr gut zu den Mitbewohnern passen muss. Nachdem ich etwa 15 Leute angerufen und fünf Wohnungen besichtigt hatte, fand ich dann nach vier Tagen endlich das Richtige. Recht zentral und uninah gelegen wohne ich jetzt zusammen mit zwei Studenten aus Indien, die beide allerdings schon seit vielen Jahren in Australien sind.

Fünf Tage nach meiner Ankunft bin ich dann im Rahmen eines ersten Willkommens-Programms für eine Woche in eines der Residential Colleges gezogen. Diese von der Uni bewirtschafteten Wohnheime sind in der Tradition der Colleges in Cambridge oder Oxford gehalten und dementsprechend auch recht stark auf Tradition bedacht (bei festlichen Anlässen werden beispielsweise feierliche Roben getragen). Insgesamt waren die fünf Tage aber ausgesprochen unterhaltsam, da bewusst noch nicht auf unirelevante Dinge eingegangen wurde. Stattdessen machten wir Stadtrundgänge, Museumsbesuche und interessante Lektionen in Bezug auf australische Kultur und Ausdrucksweise. Außerdem unternahmen wir eine Bootsfahrt auf dem Yarra-River, einen Ausflug in einen Naturschutzpark (mit Wombats, Kängurus und Koalas) und besuchten ein „Football Aussie Rules“ – Spiel. Dieser nur hier existierende Sport ist der ganze Stolz der Australier und eine Mischung aus europäischem Fußball, American Football und Rugby.

Außerdem gab es natürlich reichlich Gelegenheit, interessante Leute kennen zu lernen und das Nachtleben dieser gigantischen Stadt etwas zu erforschen. Melbourne als zweitgrößte Stadt Australiens (3,5 Mio. Einwohner) ist ungemein vielseitig und hat einfach ein tolles Flair. Da gibt es das italienische Viertel und Chinatown und natürlich die tolle Innenstadt mit alten viktorianischen Kirchen und Gebäuden inmitten gigantischer Bürokomplexe und Wolkenkratzer. Außerdem einen riesigen Vergnügungskomplex am Fluss mit Hotel, Casino und Spielhallen, bei dem man zwischen Erstaunen und Unglauben über soviel Protz und Verschwendung hin- und hergerissen ist. Und trotz dieser unglaublichen Dimensionen ist Melbourne sehr sicher und vor allem auch sehr sauber, was vielleicht dem Lebensgefühl der Leute zu verdanken ist.


Nachdem ich aus dem College aus- und in meine Wohnung eingezogen war, ging auch schon das offizielle Begrüßungsprogramm der Universität los, die sog. Orientation Week. Es ist schon beeindruckend, wie aufwändig dies hier gestaltet wird. Eine Woche lang wurde man in unzähligen Informationsveranstaltungen in alle möglichen Aspekte des Studierens hier eingeführt und durch zahlreiche Barbecues und kulturelle Veranstaltungen kam auch der Spaß nicht zu kurz. Da ich mich außerdem für das SOAAP (Student on Arrival Assistance Program) angemeldet hatte, konnte ich mich bei Fragen immer an meine Mentorin wenden.

Dadurch verlief die Einschreibung in Kurse weitgehend problemlos. Man muss sich zwar erst einmal an das Einschreibsystem im Internet gewöhnen, aber dadurch gestaltete sich auch das Ändern meines Stundenplans sehr einfach. Ich hatte nämlich am Anfang noch keine hundertprozentig feste Vorstellung, welche Fächer ich belegen wollte, was hauptsächlich daran lag, dass ich nur maximal vier Lehrveranstaltungen pro Semester besuchen darf. Das Kursangebot ist allerdings sehr umfangreich und als „Study Abroad“-Student kann ich ja aus den Angeboten sämtlicher Fakultäten wählen.

Technisch gesehen ist die Uni topmodern, insbesondere die Hörsäle erinnern mit den gepolsterten Sitzen eher an Kinosäle. Zugegebenermaßen habe ich auch die allermeisten meiner Vorlesungen und Tutorials im gerade mal zwei Jahre alten ICT Building, einem großen Komplex mit viel Glas und Beton, der sich eine Strasse entfernt vom Hauptcampus befindet.

Auf dem Campus selbst findet man Gebäude unterschiedlichsten Alters, was sich natürlich vor allem in der Bauart widerspiegelt. Neben charmanten und etwas älteren viktorianischen Gebäuden gibt es auch große funktionale und nicht allzu attraktive Backsteinblöcke sowie futuristische Bauten mit viel Glas. Außerdem Wiesen und Wasserspiele, Säulengänge und kleine Höfe mit viel Bepflanzung. Das Hauptgelände selbst ist eher noch kleiner als der Campus in Dresden, allerdings ist die Zahl der Studenten mit etwa 40.000 um ein Drittel höher.

Der Anteil internationaler Studenten ist sehr hoch (etwa 40%, im Postgraduate-Bereich teilweise bis zu 100%), wovon ein Großteil aus Asien (Indien, Malaysia, Singapur, Indonesien und China) und den USA kommt. Allerdings kommen in den letzten Jahren auch immer mehr Europäer nach Australien. So habe ich hier bereits sehr viele weitere Deutsche, Dänen und Franzosen kennen gelernt.

Das Studieren selbst unterscheidet sich zumindest im Undergraduate-Bereich nicht allzu sehr von Deutschland. Es gibt zu jeder Vorlesung eine Reihe von Tutorien (Übungen). Im Gegensatz zu Deutschland beläuft sich der Umfang der Veranstaltungen pro Woche allerdings nur auf etwa 10 bis 15 Stunden (im Vergleich zu den 30 bis 40 Stunden in meinen letzten Semestern). Allerdings ist erheblich mehr Zeit für die Vorbereitung von Hausaufgaben einzuplanen, die zumeist auch einen nicht unerheblichen Leseaufwand darstellen. Zudem fließen in die Bewertung in der Regel auch kleinere oder größere sog. Assignments ein. Dabei handelt es sich oft um Essays, die im Verlauf des Semesters angefertigt werden müssen.

In dem einen Postgraduate-Fach, das ich belege, ist sogar gar keine Prüfung vorgesehen, sondern die Endnote setzt sich aus Vorträgen (allein und in einer Gruppe), zwei kleineren Essays und einem großen Research Paper zusammen. Besonders in diesem Fach, das sich mit Fallstudien in der Softwareentwicklung auseinandersetzt, werden auch die Lehrziele deutlich, die hier überall sehr stark betont werden: Förderung des kritischen Denkens, Meinungsbildung sowie akademische bzw. wissenschaftliche Prinzipien und Methoden. Außerdem ist die Atmosphäre im Unterrichtsraum gerade im Postgraduate-Bereich noch wesentlich stärker durch Diskussion und Meinungsaustausch geprägt. Dies wird auch dadurch erleichtert, dass den Kurs etwa 20 Studenten belegen, aber dabei gleichzeitig von zwei Professoren betreut werden! Außerdem ist es hier üblich, den Professor mit dem Vornamen anzureden, was ein wenig das Förmliche aus den Gesprächen herausnimmt. Trotzdem muss man natürlich sehr gut argumentieren, da (auch schon im Undergraduate-Bereich) extrem viel Wert darauf gelegt wird, dass man Aussagen auch rechtfertigt.

Insgesamt kann ich sagen, dass mein Auslandsaufenthalt sehr gut begonnen hat. Die Universität ist hervorragend und ich werde mit Sicherheit viel lernen, gleichzeitig lädt die Umgebung zu einer Vielzahl von Aktivitäten außerhalb des Studiums ein. In den nächsten Wochen wird sich dann wahrscheinlich langsam Routine einstellen und es wird im Vergleich zu den aufregenden ersten Tagen sicher ruhiger werden. Allerdings gibt es hier noch so viel zu entdecken, dass sicher so schnell keine Langeweile aufkommen wird.

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Zwölf unglaublich schöne Monate voller Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke liegen hinter mir. Inzwischen bin ich wieder in Deutschland und es ist Zeit, ein wenig über das vergangene Jahr zu reflektieren und über das Erlebte zu berichten. Ich denke, dass mich der Aufenthalt in Australien in vielerlei Hinsicht bereichert hat. Mit Sicherheit sind die persönlichen Veränderungen am deutlichsten. Da ich bei meiner Abreise alles hinter mir gelassen hatte und mir sozusagen ein komplett neues Leben aufbauen musste, bin ich deutlich erwachsener und reifer geworden. Organisatorische Aspekte wie das Finden einer Wohnung oder die Orientierung an einer neuen Universität waren nur die kleineren Hindernisse. Viel schwerer wog das Kennenlernen vieler andere Kulturen und Denkweisen, der Aufbau eines neuen Freundeskreises und ganz allgemein das Einleben in eine fremde Umgebung mehr als 16.000 km entfernt von Zuhause.

Ich kann mich erinnern, wie ungewiss und waghalsig dieser Schritt vor einem Jahr auf mich wirkte. Wie würde ich die Trennung von Freunden und Familie verkraften, wie würde ich mich an eine Großstadt mit 3,5 Millionen Einwohnern gewöhnen? Kürzlich fragte mich ein Kommilitone aus Dresden, der nun ebenfalls für ein Jahr nach Australien geht, ob ich diese Entscheidung jemals bereut hätte. Neben den persönlichen Herausforderungen bringt so ein Auslandsaufenthalt ja auch beachtliche Investitionen an Zeit und Geld mit sich. Die Frage erschien mir sehr vertraut, hatte ich doch ähnliche Emotionen kurz vor meiner Abreise. Doch ich konnte ihn voll und ganz beruhigen. Die Zeit in Melbourne war definitiv die beste und nachhaltigste Erfahrung meines Lebens. Schon allein die geographische Entfernung von allem, was vorher vertraut und selbstverständlich gewesen ist, bewirkt, dass man sich „öffnet“ und aktiv das Neue in sich aufnimmt. Man weiß, dass man eben nicht jederzeit mal schnell nach Hause zurückfliegen kann. Und nach einer Weile will man dies auch in der Regel nicht mehr.

In der Tat ist es beinahe unheimlich, welch ungeheure Faszination Australien auf die meisten Menschen ausübt. Ich habe während meines gesamten Aufenthaltes eigentlich nie Heimweh gehabt. In den Abschnitten über Australien und Melbourne werde ich ein paar Dinge ansprechen, die dies etwas verdeutlichen werden. Gerade bei einem einjährigen Aufenthalt fällt die Rückkehr dann auch sehr schwer und die letzten Wochen vor dem Rückflug waren in der Tat emotional sehr aufreibend. Der Abschied von Dresden war mir schwer gefallen, der Abschied von Melbourne erschien mir beinahe unmöglich. Andere Austauschstudenten berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Die Universität kennt das Phänomen und bietet Beratung und Informationsveranstaltungen zu Themen wie „Culture Shock? But I’m just going home“ an. Doch es ist nicht nur das einzigartige Lebensgefühl und die Atmosphäre Australiens, die die Heimkehr erschweren. Schwer wiegt auch die Veränderung der eigenen Anschauungen und Ansichten.

Es fällt mir nicht leicht, dies zu beschreiben, aber ich kann sagen, dass der Auslandsaufenthalt meine ganze Gedankenwelt auf den Kopf gestellt hat. Das, was vorher fremd und weit entfernt – ja unerreichbar – erschien, ist nun auf angenehme Weise vertraut. Durch die unglaubliche Multikulturalität in Melbourne, die vielen Freunde aus aller Welt, die ich gewonnen habe und meine Reisen innerhalb Australiens und Südostasiens habe ich eine starke Neugier auf fremde Kulturen und Länder entwickelt. Kurz gesagt möchte ich einfach noch viel mehr sehen und kennen lernen. Insbesondere mein Interesse für asiatische Sprachen und Kultur hat sich noch weiter gesteigert. Ein Studien- oder Praktikumsaufenthalt in China oder Japan ist einer meiner seit langem gehegten Wünsche und nach dem Jahr in Australien wirkt dies auch nicht mehr so problematisch und kompliziert. Nachdem man einmal den Sprung ins Ungewisse gemacht hat, verliert das Unbekannte seinen Schrecken.

Im Gegensatz zu meinem Zwischenbericht werde ich dieses Mal keine besondere chronologische Reihenfolge beachten, sondern allgemein auf unterschiedliche Aspekte des Auslandsaufenthaltes eingehen. Neben ein paar generellen Bemerkungen zu Land und Leuten sowie der Stadt Melbourne werde ich über meine akademischen und natürlich außeruniversitären Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Ich wünsche schon einmal vorab einen unterhaltsamen Einblick in das Leben und Studieren auf dem fünften Kontinent.


Australien – Leben „down under“

Australien ist ein eigentümliches Land. Es ist gleichzeitig der kleinste Kontinent und die größte Insel der Erde. Gerade einmal 20 Millionen Menschen leben hier auf einer Fläche, die so groß wie Europa oder die Vereinigten Staaten ist. Und die meisten davon leben an der Küste in einer Handvoll von Großstädten. Der größte Teil Australiens ist glühend heiße Wüste und noch dazu wird die unfruchtbare Gegend von den giftigsten und tödlichsten Lebewesen auf diesem Planeten bevölkert. Interessanterweise gilt das Land trotz all dieser Unwirtlichkeiten als einer der lebenswertesten und schönsten Flecken der Erde und ohne allzu sehr zu verallgemeinern kann man sagen, dass die Menschen hier offener, freundlicher und einfach lebensfroher sind als das in vielen anderen Ländern der Fall ist. Dies trifft insbesondere auch auf den Vergleich mit Deutschland zu.

In der Tat ist es das einzigartige Lebensgefühl und die Lockerheit im Umgang miteinander, die einen schnell in den Bann zieht. Eine typische australische Redewendung (und eine Art Universalausdruck für jede erdenkliche Gelegenheit) ist das „no worries“ (keine Sorgen), das man sich nach einer Weile auch selber angewöhnt. Außerdem benutzen Australier sehr oft den Term „mate“ (Kumpel), auch für Personen, die sie gar nicht näher kennen. Beispielsweise ist es völlig normal, wenn man im Supermarkt vom Kassierer mit „No worries, mate.“ verabschiedet wird, nachdem man sich im gleichen Stil mit „Thanks, buddy.“ bedankt hat. Dadurch fällt es sehr leicht, mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Natürlich könnte man diese Art des Umgangs miteinander als oberflächlich abtun, doch im Gegensatz zu meinen Erfahrungen mit den meisten US-Amerikanern wirkt dies bei „Aussies“ (wie Australier sich selbst nennen) in der Regel liebenswert, echt und ungekünstelt. In der Tat spiegelt der locker-freundschaftliche Umgangston eine Mentalität und Lebensanschauung wieder, die in ihren Grundfesten stark von den Idealen der Gleichheit, Fairness und einer gewissen Abneigung gegenüber Autorität und „high achievers“ (Überfliegern) geprägt ist. Das Prinzip des „fair go“ (in etwa mit gerechter Behandlung zu übersetzen), das für jedermann gelten soll, und der Gedanke der „mateship“ (Kameradschaftlichkeit) sind tief in der australischen nationalen Identität verwurzelt.

Dies ist vor allem deshalb so, weil diese Ideale oft als einzige Gemeinsamkeit der vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gesehen werden und es den Menschen in Australien ansonsten schwer fällt genau zu definieren, was es eigentlich bedeutet, Australier zu sein. Von den Anfängen als Strafkolonie über die Zuwanderungswelle während der Goldrausch-Ära bis zur Entstehung des Multikulturalismus nach dem zweiten Weltkrieg hat sich Australien immer wieder stark verändert. Geschichte und Kultur des Landes sind wirklich sehr faszinierend und ich hatte in einem meiner Kurse an der Uni die Möglichkeit, mich recht intensiv damit zu beschäftigen (mehr zu den von mir belegten Fächern folgt später). Unter anderem habe ich auch einen Forschungsaufsatz über das Problem der Definition einer australischen nationalen Identität geschrieben. Ich möchte aber an dieser Stelle nicht noch intensiver darauf eingehen, da dies den Rahmen dieses Berichtes sprengen würde.

Neben der Freundlichkeit und Lockerheit der Menschen fällt noch ein zweiter Aspekt des Lebens in Australien sofort auf – die unglaubliche Multikulturalität. So identifizieren sich drei Viertel der Bevölkerung mit einer nichtaustralischen Herkunft und insgesamt werden mehr als 200 Sprachen gesprochen. Tatsächlich wird in Australien eine Politik des Multikulturalismus gelebt, die es in dieser Art und Weise kaum irgendwo anders auf der Welt gibt. Es ist schwer vorstellbar, dass sich dies erst in den letzten 20 bis 30 Jahren entwickelt hat. Bis etwa 1980 galt noch die Politik des „White Australia“, die das Ziel hatte Immigranten zur britischen und „weißen“ Kultur zu „bekehren“. Diskriminierung insbesondere gegenüber asiatischen Einwanderern war gängig, was auch aus der unmittelbar und drastisch erlebten Bedrohung durch die Japaner während des zweiten Weltkriegs resultierte.

Inzwischen wird die Multikulturalität staatlich gefördert. Die vielen Kulturen werden ermutigt, ihre Sprachen und Gebräuche zu pflegen und ihre Identität zu wahren. Es gibt sogar einen speziellen öffentlich finanzierten Fernsehsender, der sich einzig und allein diesem Ziel widmet – durch internationale Filme im Originalton, Nachrichten von Fernsehstationen aus aller Welt, Dokumentationen, Sprachlernprogramme und vieles mehr. Sogar die deutsche Fernsehserie „Kommissar Rex“ konnte man sich im Original anschauen.

Die meisten Australier werden als Hauptvorteil des Multikulturalismus sicher die Fülle an internationalem und authentischem Essen nennen. Auch wenn dies banal klingen mag, ist es dennoch erwähnenswert, wie gut (und billig) man in Australien essen gehen kann. Im Gegensatz zu Deutschland, wo in vielen Städten ein „Asia-Imbiss“ oft schon das Höchste der Gefühle ist, findet man hier erstklassige und vor allem authentische Restaurants mit indischer, thailändischer, chinesischer, malaysischer, indonesischer oder japanischer Küche. Die Bewahrung der individuellen Kulturen bringt auch eine ganze Reihe von internationalen Festivals mit sich, auf die ich im Abschnitt über Melbourne etwas eingehen werde.

Die Vielfalt an Kulturen, Sprachen und Menschen, denen ich während meines Aufenthaltes begegnet bin, hat mich stark in ihren Bann gezogen. Sicherlich ist ein Auslandsaufenthalt immer vom Kennenlernen einer anderen Kultur und Lebensweise geprägt. In Australien kam ich allerdings nicht nur mit einer, sondern gleich einer ganzen Vielzahl fremder Kulturen in Kontakt. Durch das Zusammenleben mit meinen indischen Mitbewohnern, durch die Arbeit in MUOSS mit meinen vielen Freunden aus Südostasien (mehr dazu später) und durch Studienprojekte mit chinesischen Mitstudenten habe ich beispielsweise sehr viel über die verschiedensten asiatischen Kulturen lernen können. Nebenbei habe ich durch die große Zahl an Austauschstudenten an der University of Melbourne auch Leute aus praktisch jedem europäischen Land und natürlich den USA kennen gelernt.

Das Besondere gerade an einem einjährigen Studienaufenthalt in Australien ist, dass man sich sehr schnell einlebt und ein neues Zuhause schafft. Auch wenn es sicher Ausnahmen gibt, wage ich zu behaupten, dass man sich beispielsweise in Frankreich auch nach einem Jahr in der Regel noch als Deutscher unter Franzosen fühlen wird. Ähnlich ist dies sicher für Ausländer, die nach Deutschland kommen. In Australien ist dies anders. Man sieht sich nach einer Weile einfach nicht mehr als „Fremder“, da Aspekte wie unterschiedliches Aussehen, eigenartiger Akzent oder andere Religion hier einfach keine Rolle spielen. Im Gegensatz zum eher „monokulturellen“ Deutschland gibt es hier keine wirklich dominierende Bevölkerungsgruppe. Die verschiedenen Kulturen leben neben- und miteinander und bewahren sich ihre individuellen Eigenheiten. Die allermeisten Menschen, die man auf der Straße sieht, sind mehr oder weniger genauso „fremd“ oder „heimisch“ wie man selber. Vor allem aus diesem Grund kann man sich nach einer Weile sehr gut vorstellen, auch für eine längere Zeit in diesem Land zu leben.


Melbourne – Kultur, gutes Essen und wechselhaftes Wetter

Melbourne ist nach Sydney Australiens zweitgrößte Stadt und mit 3,5 Millionen Einwohnern im Vergleich zu Dresden gigantisch. Noch dazu sind Wohnblöcke und Apartments in Australien sehr unüblich. In der Regel möchte jede Familie so früh als möglich ein eigenes Häuschen in den Vororten haben. Folglich ist die Bevölkerungsdichte etwas geringer als in deutschen Städten und inklusive der äußeren Stadtteile und Vororte erstreckt sich Melbourne über eine wahrlich riesige Fläche. Von der Aussichtsplattform in der City lässt sich dies am Abend besonders schön erleben und es ist einfach atemberaubend, dieses endlose, bis zum fernen Horizont reichende Lichtermeer mit eigenen Augen zu sehen.

Trotzdem lebt man sich außerordentlich schnell ein. In der Tat fühlt man sich gerade in Melbourne schon nach relativ kurzer Zeit zu Hause. Ein Schulfreund, der zu dieser Zeit in Sydney studierte, berichtete mir, dass es dort etwas länger gedauert hatte, bis der Funke übergesprungen war. Melbourne aber ist aus vielen Gründen sofort sympathisch und ist nicht umsonst auch 2004 zum wiederholten Mal mit dem Titel „most liveable city of the world“ (lebenswerteste Stadt der Welt) ausgezeichnet worden. Im Folgenden werde ich die Stadt ein bisschen vorstellen und versuchen, die einzigartige Lebensqualität und die Faszination, die von ihr ausgeht, etwas näher zu bringen.

Melbourne ist, besonders im Vergleich mit dem lauten, hektischen und amerikanisch anmutenden Sydney, eine eher ruhige und beschauliche Stadt. Im Gegensatz zu Sydney hat Melbourne keinen weltberühmten Hafen, keine endlosen Sandstrände und kein lärmendes, schrilles Nachtleben. Stattdessen findet man hier europäische Café-Kultur, alte viktorianische Bauten, herrliche Museen, Theater und Konzerthallen sowie Unmengen an Straßenzügen voller hervorragender Restaurants. In der Tat bietet Melbourne die beste, umfangreichste und abwechslungsreichste Küche Australiens, weshalb es oft auch als „Food Capital“ (Essens-Hauptstadt) des Landes bezeichnet wird.

Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass Melbourne sicher eine der multikulturellsten Städte Australiens ist. Beispielsweise gibt es hier die größte griechische Gemeinschaft außerhalb Griechenlands. Das Stadtbild ist deshalb auch stark von dieser faszinierenden Mischung der verschiedenen Kulturen geprägt – stärker, als ich das in jeder anderen Stadt in Australien beobachtet habe. Man braucht eigentlich nur einmal in eine der vielen Straßenbahnen einsteigen (die aufgrund ihrer historischen Wagen eines der Wahrzeichen Melbournes sind) und wird die verschiedensten Sprachen und Akzente hören. Viele der inneren Stadtteile um die City herum sind von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe geprägt, was sich natürlich vor allem in den Menüs der Restaurants niederschlägt.

Beispielsweise ist der uninahe Stadtteil Carlton auch als Little Italy bekannt. Entlang der berühmten Lygon Street findet man ein hervorragendes Pizza- und Pastarestaurant neben dem anderen, dazu hochklassige Torten- und Eisläden sowie den besten Kaffee Melbournes (in Dutzenden verschiedenen Ausprägungen). Gerade an diesem Stadtteil lässt sich das besondere Flair der Stadt besonders gut darstellen. In Carlton wurde nämlich als Erstes das Essen im Freien (mit Tischen und Stühlen auf dem Bürgersteig) etabliert. Man muss sich einfach vorstellen, an einem warmen Sommerabend mit einer Gruppe von Freunden auf dieser Straße entlang zu spazieren. Vorbei an den endlosen Terrassen, die die Straße säumen; vorbei an zahllosen Restaurant-Chefs, die einem mit südländischer Freundlichkeit und Überschwang die Abendkarte entgegenstrecken und auf Italienisch begrüßen. Sich dann nach dem Dinner in einem der Gartencafés noch einen Capuccino gönnen und den vorbeiflanierenden Menschen zuschauen ist schlicht und einfach Leben pur und genau das, was Melbourne auszeichnet und so sympathisch macht.

Neben „Little Italy“ gibt es noch das griechische Viertel in der City, das vietnamesische Viertel Richmond, in dem man sehr gut nach asiatischen Gewürzen und anderen Produkten shoppen kann und die mehrere Kilometer lange Sydney Road mit ihren vorwiegend türkischen und libanesischen Restaurants sowie einer Unmenge an kleinen, intimen Kramläden. Auch das Melbourner Chinatown ist eine sich über mehrere Blöcke erstreckende Straße voller authentischer asiatischer Restaurants aller kulinarischen Richtungen, vor denen traditionell gekleidete junge Frauen höflich zum Eintreten einladen.

Neben diesen ethnisch geprägten Vierteln gibt es noch weitere Stadtteile, die ihre ganz eigene Atmosphäre haben. Beim Partyvolk sehr beliebt sind die Straßen des Szeneviertels St. Kilda, das von Kneipen, Bars und Nachtclubs überquillt. Etwas elitärer ist die Chapel Street im noblen Stadtviertel South Yarra. Mit den zahlreichen Designer-Läden und Edelcafés ist dies der beste Ort, um das Neueste in Sachen Mode zu sehen (und bei entsprechendem Budget auch zu kaufen). Nicht umsonst ist Melbourne auch als „Fashion capital“ (Modehauptstadt) Australiens bekannt. Das Künstler- und Studentenviertel Fitzroy gibt sich da weitaus weniger pompös. Entlang der zentralen Brunswick Street finden sich aber einige der besten Restaurants und Bars Melbournes sowie zahlreiche Läden für Ungewöhnliches und Exotisches.

Interessanterweise ist es unter den Melbournians (wie sich die Einwohner selbst nennen) sogar sehr beliebt, am Abend am Yarra River entlang zu spazieren und den Blick auf die bunt illuminierte Skyline zu genießen. Der dort gelegene Southgate-Shopping-Komplex und das Crown Casino (das größte Casino der südlichen Hemisphäre) bieten ebenfalls vielfältigste Möglichkeiten zum Freiluft-Dinieren und die ruhige, entspannte und romantische Atmosphäre zieht die Pärchen der Stadt an. Tagsüber bietet die mit Bäumen gesäumte Promenade den richtigen Hintergrund für eine Vielzahl an Straßenkünstlern, Malern und Musikanten. Passend, dass gleich in der Nähe das Arts Centre mit der Gemäldegalerie, Theater- und Konzerthalle sowie weiteren Museen und Ausstellungen zu finden ist.

Ich hoffe, dass aus den obigen Schilderungen deutlich wird, wie vielschichtig und faszinierend Melbourne aufgebaut ist. Kein Stadtviertel gleicht dem anderen und es dauert eine Weile, bis man zumindest die vordergründigsten der vielen unterschiedlichen Facetten dieser extrem kosmopolitischen Stadt kennen gelernt hat.


Beim Besuch des Stadtzentrums fällt schnell auf, wie sauber und gepflegt die Stadt wirkt. Große Fußgängerzonen mit teilweise richtig professionellen Straßenkünstlern, Obst- und Zeitungsstände und viele Shopping-Malls bestimmen das Bild. Die Orientierung fällt aufgrund der im Gitternetz angeordneten Gebäude sehr leicht. Da das Zentrum zudem recht kompakt ist, dauert es nicht lange, bis man alle Straßennamen aus dem Kopf weiß und sich perfekt auskennt. Viele von Melbournes guten Pubs und Cocktail-Bars befinden sich (meist etwas versteckt) in der City, so dass man gar nicht weit gehen muss, um einen vergnüglichen Abend zu verleben.

Es ist anscheinend bei den Bankern und Geschäftsleuten im Business-Viertel rund um die Collins Street auch sehr beliebt, nach der Arbeit noch mit Kollegen in eine der schicken Bars zu gehen, um den Arbeitstag stilvoll abzuschließen. Jedenfalls sieht man am frühen Abend eine Menge professionell gekleideter Menschen durch die Straßen gehen. In Melbourne ist es auch völlig normal, selbst als hoch bezahlter Manager mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren und dabei mit dem daneben sitzenden Arbeiter zu schwatzen. Für mich war es immer wieder faszinierend, dieses australische Prinzip der Gleichheit und Offenheit so vor Augen geführt zu bekommen. Elitäres Gehabe und Abgrenzung ist den meisten Aussies fremd.

Zum Thema Nachtleben möchte ich nur noch eine weitere kurze Randbemerkung machen. Besucher aus Sydney monieren oft, dass Melbourne am Abend wie ausgestorben und viel zu ruhig wirkt. Das stimmt schon, weil Lärm in der Stadt nicht gern gesehen wird (für mich war mein erster Besuch in Sydney fast ein Schock, als ich den Geräuschpegel zu mitternächtlicher Stunde erlebte). Trotzdem bietet Melbourne eine riesige Anzahl an Clubs, Pubs und Bars – man muss nur wissen, wo man hingehen muss. Meist verbirgt sich hinter einer unscheinbaren Fassade eine riesige Partyfläche in Unter- oder Obergeschossen, deren Schall nur nicht auf die Straße dringt. Beispielsweise befindet sich in Melbourne auch der größte Nachtclub der südlichen Hemisphäre. Besonders erwähnenswert ist auch die außerordentlich lebendige Live Musik-Szene. Unter anderem wegen einiger hervorragender Jazz-Clubs wird die Stadt übrigens auch als Hauptstadt des Jazz und Blues in Australien erachtet.

Positiv zu bemerken ist die äußerst geringe Kriminalitätsrate Melbournes, was für eine Stadt dieser Größe wahrscheinlich ungewöhnlich erscheint. Es ist absolut kein Problem, nachts allein durch die Straßen der City zu gehen. In dem Park, der sich gegenüber meiner Wohnung befand, sah man auch zu später Stunde trotz kaum vorhandener Beleuchtung Jogger fleißig ihre Runden drehen. Ich muss sagen, dass ich mich in Melbourne praktisch immer sicherer gefühlt habe als das in manchen Gegenden Dresdens der Fall ist.

Beim Beobachten des Menschengetümmels merkt man dann auch bald, wie fröhlich und gelassen die meisten Leute aussehen. Der Unterschied zu den meist etwas missmutig, nachdenklich und besorgt aussehenden Deutschen ist mir nach meiner Rückkehr besonders deutlich geworden. „The best about Melbourne is the people“ (Das Beste an Melbourne sind die Menschen) hatte mir schon der Fahrer gesagt, der mich damals vom Flughafen abgeholt hatte. In der Tat sind die Melbournians unglaublich freundliche, lebensfrohe und gemütliche Menschen, die die meisten Dinge erfrischend unkompliziert und locker sehen. Zum Teil hat dies sicher auch mit der bewussten Abgrenzung zu den etwas aggressiveren und wettbewerbsorientierten Sydneysiders zu tun.

So kommt man immer mal wieder mit den Leuten ins Gespräch, ob in der Straßenbahn oder im Café. Vor allem fällt die Orientierung von Anfang an sehr leicht, da man sich sicher sein kann, bei Fragen immer eine freundliche, manchmal auch ironisch-humorvolle Antwort zu erhalten. Die Hemmschwelle der Kontaktaufnahme mit Menschen in einem völlig fremden Land ist dadurch schnell überwunden. Beispielsweise schenkte mir nach meiner Ankunft ein Besitzer eines Internet-Cafés gleich eine Karte der Innenstadt, als er merkte, dass ich neu in der Stadt war. Als ich in der Straßenbahn einen Mann nach dem Weg fragte, meinte der nur mit einem Grinsen, dass er auch nicht aus Melbourne sei. Also erkundigte er sich gleich mal für mich bei den anderen Leuten im Abteil, die auch bereitwillig Auskunft gaben.

Richtig deutlich wird die beispiellose Fairness und Freundlichkeit der Menschen beim Besuch eines „Footy“-Spiels. Dieser in Melbourne erfundene Sport mit dem offiziellen Namen „Football Australian Rules“ ist, wie im letzten Bericht schon erwähnt, eine actionreiche Mischung aus Fußball, American Football und Rugby, bei dem es auch schon mal recht hart zur Sache geht. Die Faszination dafür grenzt in der Stadt schon beinahe an Verrücktheit und beinah jeder Stadtteil hat auch einen eigenen Verein, so dass die Hälfte der Mannschaften in der nationalen Liga aus Melbourne kommt. Der Dekan der Engineering-Fakultät verglich den Sport nicht umsonst mit einer Art Religion und widmete einen Teil seines Einführungsvortrags für internationale Studenten ausschließlich dem „Footy“.

Das Tolle daran ist nun, dass trotz der fanatischen Verehrung der Spieler durch ihre Fans die Spiele absolut friedlich ablaufen. Was noch viel mehr verblüfft ist die Tatsache, dass Anhänger beider spielenden Fraktionen bunt gemischt auf den Rängen nebeneinander sitzen. Natürlich werden bei Toren die Fahnen geschwenkt, das gegnerische Team ausgebuht und die eigene Mannschaft bis zum Versagen der Stimme angefeuert. Am Ende wird dann auch noch aus voller Kehle die Hymne des Siegers gesungen. Trotzdem verlassen danach alle in faszinierender Eintracht das Stadion, ohne Rangeleien, Anfeindungen oder Handgreiflichkeiten. Ich muss sagen, dass ich in Deutschland noch nie bei einem Fußballspiel gewesen bin, da es gerade in Dresden immer wieder zu unschönen Szenen und Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt. In Melbourne machte es richtig Spaß, einfach mal für einen Nachmittag ins Stadion zu gehen und einer willkürlich gewählten Mannschaft zuzujubeln.

Ein weiteres Highlight Melbournes sind die vielen, wunderschönen Gärten. Die Stadt ist unglaublich grün und bietet eine enorme Vielfalt bei den Parkanlagen. Das Angebot reicht von klassischen Stadtparks nicht unähnlich dem Dresdner Großen Garten über riesige steppenähnliche Grünflächen bis zu den aufwändigen und beeindruckenden Royal Botanic Gardens. In den äußeren Stadtgebieten finden sich auch eine Menge großer Golfanlagen. In vielen der Gärten stehen kostenlos Elektrogrills für die bei den Australiern so beliebten Barbecues zur Verfügung.
Im Sommer sind die Gärten Schauplatz einer beeindruckenden Vielzahl von Festivals und Open Air-Aktivitäten. Es lohnt sich dann auch, mal einen Blick in eine der vielen Informations-Broschüren mit dem „Summer fun in the parks“-Programm zu werfen, um auch nichts zu verpassen. Beispielsweise veranstalteten die diversen Partnerstädte Melbournes internationale Feste, darunter das „Dancing Kite“-Festival (Tanzender Drachen) der chinesischen Metropole Tianjin mit Drachenbau-Workshops, „Martial Arts“-Demonstrationen und chinesischen Tänzen. Das Melbourne Symphony Orchestra veranstaltete eine Reihe von Freilichtkonzerten in der Sydney Meyer Music Bowl, einem großen Amphitheater in den King’s Gardens. Natürlich gab es auch gleich an mehreren Standorten Open Air-Kino (besonders empfehlenswert: das Moon Light Cinema in den Royal Botanic Gardens).
Zu den ungewöhnlicheren Aktivitäten zählten Angebote zum nächtlichen Beobachten der Sterne unter Anleitung, Wanderungen bei Tag und Nacht zum Entdecken der mannigfaltigen Tier- und Pflanzenwelt in den Gärten sowie historische Exkursionen auf den Spuren der Aborigines und den Anfängen Melbournes. Das wirklich Tolle an diesem Sommerprogramm war aber, dass (bis auf das Kino) alles kostenlos war! Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Geld die Stadt in die Unterhaltung ihrer Bürger steckt. Natürlich steckt hinter den Angeboten die Intention, den Tourismus weiter anzukurbeln, aber wenn in einem Grußwort der Lord Mayor (Oberbürgermeister) Melbournes in absolut herzlichem Ton zur Teilnahme an den vielen Aktivitäten einlädt und viel Vergnügen wünscht, merkt man einfach, dass dies wirklich ehrlich gemeint ist und auch ein wenig Stolz über die Lebensqualität in der Stadt erkennen lässt („Let’s celebrate our great city“).

Doch die Sommerangebote in den Gärten sind bei weitem nicht alles, was die Stadt zu bieten hat. Eigentlich gibt es praktisch jede Woche ein anderes Festival oder Ereignis, das mitzuerleben sich lohnt. Sehr oft habe ich bemerken müssen, dass ich mal wieder ein Fest verpasst hatte, weil es einfach so viele davon gab.
Natürlich hat jede der vielen kulturellen Gruppierungen mindestens ein Festival pro Jahr. Da gab es unter anderem das mehr als eine Woche währende und sehr aufwändig zelebrierte Chinese New Year, das große Greek Festival, das Thai Culture and Food Festival und sogar ein zünftig begangenes Oktoberfest. Beim Moomba Water Festival wird die kulturelle Vielfalt mit einer langen Parade und vielen Aktivitäten am Fluss ausgiebig gefeiert. Im Sommer verwandelte sich auch Melbournes berühmter Queen Victoria Market jeden Mittwochabend in einen riesigen multikulturellen Night Market mit Produkten und Köstlichkeiten aus aller Welt. Wer schon immer mal sein Abendessen aus afrikanischem Büffelsteak, australischem Krokodilsfilet und niederländischen Poffertjes zusammenstellen wollte, ist hier richtig.

Zusätzlich veranstalten viele Stadtteile eigene Feste, wozu unter anderem das St. Kilda Festival (größtes Stadtteilfest Australiens), das Lygon Street Festival und das Sydney Road Festival zählen. Des Weiteren finden eine ganze Reihe von Film- und Musikfestspielen statt (International Film Festival, Kurzfilmfestival, Animationsfilmfestival, German Film Festival, International Jazz and Blues Festival uvm.). Sehr unterhaltend war auch das International Comedy Festival, das über mehrere Wochen ging und erstklassige Standup-Comedians aus aller Welt anzog. Etwas für die Sinne boten unter anderem das hervorragende International Arts Festival, das Food and Wine Festival und das Better Living Festival.

Generell lieben die Australier das Feiern und die Nationalfeiertage Australia Day und Anzac Day werden auch entsprechend pompös begangen – mit Militärparaden, Jetüberflügen und großen Feuerwerken. Apropos Feuerwerk: das ungemein effektvolle Sylvesterspektakel war mit Sicherheit das eindrucksvollste, das ich je in meinem Leben gesehen habe (Ähnliches berichtete mein Schulfreund aus Sydney). Sehr beeindruckend war für mich auch, dass trotz der über 400.000 Menschen, die sich am Ufer des Flusses und auf den Brücken drängten, alles friedlich ablief. In der ganzen Nacht gab es keine ernsthaften Vorfälle und es herrschte eine ausgesprochen fröhlich-heitere Familienfeststimmung.

Im Prinzip ist das einzig wirklich Negative an Melbourne kurioserweise das Wetter. Die Sommertemperaturen sind mit 30 bis 40 Grad zwar angenehm warm und auch im Winter lässt es sich bei Tageswerten zwischen 15 und 20 Grad aushalten. Allerdings ist das Melbourner Wetter sehr wechselhaft (launisch und unberechenbar wären vielleicht bessere Ausdrücke). Nicht umsonst sprechen die Bewohner von „four seasons in one day“ (vier Jahreszeiten an einem Tag). Ich habe Tage erlebt, an denen das Thermometer innerhalb einer Stunde von 37 auf 22 Grad absackte oder nach einem sintflutartigen Regen am Morgen noch tropische Temperaturen am Nachmittag herrschten. Generell regnet es (besonders im Winter) viel und häufig, was ab und an auch mal zu größeren Überschwemmungen führt, da die Kanalisation für solche Wetterkapriolen anscheinend nicht ausgelegt ist. Zudem kann es nachts empfindlich kalt werden, was insbesondere wegen der schlecht isolierten Häuser und fehlenden Zentralheizungen recht unangenehm werden kann.


The University of Melbourne – Forschung hautnah

Die University of Melbourne wurde 1853 gegründet und ist nach der University of Sydney die zweitälteste Universität Australiens. Das Institut Ranke-Heinemann (www.ranke-heinemann.de) bezeichnet die renommierte und bekannte Institution als „eine der bedeutendsten Forschungsuniversitäten im asiatischen Raum“. Tatsächlich ist sie nach der CSIRO (Commonwealth Scientific & Industrial Research Organisation) die zweitgrößte Forschungseinrichtung in Australien und hat zahlreiche Nobelpreisträger hervorgebracht. Verallgemeinernd kann man sagen, dass die Universität in vielen Fachbereichen die beste Universität des Landes ist, wenn man Faktoren wie Veröffentlichungen, Forschungsbudgets und Bewertungen durch die Studenten heranzieht. Dies drückt sich auch in den Zugangskriterien und Studiengebühren aus, die teilweise deutlich über den Maßstäben anderer Universitäten liegen.

Der Anspruch an sich selbst wird beim Blick in den „Strategic Plan 2004“ der Universität deutlich. Das dort klar formulierte Hauptziel lautet „Making Melbourne one of the finest universities in the world”. Qualitätsansprüche und Ziele u.a. in den Kategorien „Quality People“, „Quality Research“ oder „Quality Learning“ werden detailliert benannt und es ist wirklich faszinierend, wie pragmatisch und geschäftsorientiert Strategien und konkrete Teilziele (mit Erfüllungsfristen) aufgelistet sind. Das Motto der Universität „Postera Crescam Laude - Growing in the esteem of future generations“ soll dieses Ringen um den Respekt und die Achtung kommender Generationen ausdrücken.

Es ist ganz interessant, welche Auswirkungen dies auf die Organisation der Uni hat. Beispielsweise ist in Melbourne jeder in der Lehre Beschäftigte verpflichtet, Forschung in irgendeiner Art und Weise zu betreiben. Eine reine Lehrtätigkeit ist nicht möglich. Der Qualitätsanspruch wird auch dadurch sichergestellt, dass Lehrevaluationen von der Universität selbst und nicht durch studentische Vertreter (wie bei uns der Fachschaftsrat) durchgeführt werden. Die Ergebnisse haben dann auch konkreten Einfluss auf Mittelzuweisung und Bezahlung, so dass jeder Hochschullehrer angehalten ist, die Lehre auch ernst zu nehmen. Dies macht auch Sinn, da man ja Gebühren bezahlt und für sein Geld eine entsprechende Leistung erhalten möchte. Wie in einem Unternehmen wendet die Universität Prinzipien der Qualitätskontrolle an, um eine hohe Lehrqualität sicherzustellen.

In einigen der von mir belegten Fächer ging dies sogar so weit, dass studentische Vertreter benannt wurden, die dann als Bindeglied zwischen Professor und Studenten fungierten, um Probleme oder Anregungen speziell für dieses Fach weiterzuleiten. Dass Bedenken und Kritik auch tatsächlich ernst genommen werden, konnte ich selber sehr schön erleben. Im Fach „Distributed Systems“, das als einziges meine Erwartungen nicht erfüllte (siehe weiter unten), hatte ich bei einer von den studentischen Vertretern durchgeführten Umfrage ein paar Kritikpunkte und Änderungsvorschläge angegeben. Prompt bekam ich eine persönliche Mail vom Studiendekan, in der mir versichert wurde, dass meine Kommentare beachtet und konkrete Verbesserungen eingeleitet werden.

Die starke Betonung des Forschungsgedankens spiegelt sich in der Lehre wieder. Zum einen möchte die Universität besonders im Postgraduate-Bereich gern das Prinzip des „research-led teaching“ umsetzen. Das bedeutet, dass aktuelle Forschungsergebnisse und –arbeiten des entsprechenden Fachbereichs in den Inhalt der Vorlesungen einfließen. Zum anderen wird stark auf die Vermittlung forschungsrelevanter Fähigkeiten und Kenntnisse geachtet. Dies ist meiner Meinung nach auch einer der größten Unterschiede zum Studienablauf an der TU Dresden. In der Tat habe ich durch meinen Auslandsaufenthalt nicht so sehr spezifische fachliche Kenntnisse gewonnen, sondern vor allem außerordentlich viel über Methoden und Vorgehensweisen in der Forschung gelernt.

In meinem bisherigen Studium war es eigentlich nie wirklich nötig gewesen, einmal eine ernsthafte Literaturrecherche durchzuführen. Für Seminare wurden relevante Quellen in der Regel gleich vollständig zur Verfügung gestellt und für die Nacharbeitung von Vorlesungen reichten Skripte und Vorlesungsfolien meist völlig aus. Auch das akademische Schreiben kommt meiner Meinung nach im Informatikstudium in Dresden zu kurz. Der Große Beleg im 8. Semester ist eigentlich die erste wissenschaftliche Arbeit, die man im Verlauf des Studiums anfertigen muss. Von Kommilitonen aus meinem Jahrgang, die dies jetzt gerade hinter sich haben, habe ich in den letzten Wochen des Öfteren Klagen gehört, dass sie für den Beleg eigentlich völlig unvorbereitet waren.

Das fängt schon bei grundlegenden Fragen an: Wie erschließe ich ein Thema, wie bestimme ich konkret Ziel und Umfang der Arbeit, in welchen Arbeitsschritten gehe ich vor? Ein großes Problem ist auch die Erschließung erforderlicher Quellen. Wie gelange ich an wissenschaftliche Papers aus Journalen und Konferenzen, wenn ich nur die Referenz habe? Oftmals sind hier spezielle Suchmaschinen und Kataloge gar nicht bekannt und viele Veröffentlichungen im Netz sind ja lizenzrechtlich geschützt und kostenpflichtig. Ich muss auch gestehen, dass ich spontan selber nicht genau wüsste, wie man an der TU die (sicher vorhandenen) Abonnements elektronischer Publikationen nutzt. Das weitaus größte Problem ist aber die fehlende Erfahrung im akademischen Schreiben. Die Gliederung der Arbeit, das korrekte Referenzieren und Zitieren von Quellen und ganz allgemein der Stil und die Präsentation des Geschriebenen stellen ohne entsprechende Übung große Probleme dar.

An der University of Melbourne ist dies anders. Hier wird vom ersten Semester an auch in den technischen Disziplinen das Schreiben von Berichten und Forschungsaufsätzen geübt. Ich habe ja schon in meinem Zwischenbericht zum Auslandsaufenthalt erwähnt, dass in jedem Fach eine beträchtliche Zeit für das Anfertigen kleiner oder größerer sog. Assignments eingeplant werden muss. Auch bei allen praktischen Arbeiten (wie Programmieraufgaben) wird immer ein Bericht verlangt, der dann die eigentliche Bewertungsgrundlage darstellt. Bei solchen Projekten habe ich auch oft bemerkt, dass es nicht unbedingt eine feste und vorgeschriebene Lösung gibt. Viel wichtiger ist es, die eigene Herangehensweise an ein Problem und die erzielten Ergebnisse zu beschreiben und zu verteidigen. Die Anforderungen steigen dabei naturgemäß an und im Postgraduate-Bereich wird oft als Ziel eine mögliche Veröffentlichung der Arbeit gestellt. Auch deswegen gibt es äußerst strenge Richtlinien in Bezug auf Plagiarismus. Unsaubere Zitate und fehlende Referenzen werden strikt geahndet (meist mit einem Nichtbestehen des Faches), auch wenn es sich nicht um vorsätzliche Vergehen, sondern Nachlässigkeiten handelt.

Bei all diesen Anforderungen sind die Studenten aber nicht auf sich allein gestellt. Natürlich finden während der Orientierungswoche im ersten Semester (wie in Dresden ja auch) Einführungskurse u.a. zur Nutzung der Bibliothek und der IT-Infrastruktur statt. Zusätzlich gibt es aber noch eine Menge weiterer Informationsveranstaltungen, bei denen beispielsweise grundlegende Studientechniken (Mitschreiben bei Vorlesungen, Zeitplanung etc.) behandelt werden. Für Postgraduate-Studenten ist das Angebot an Kursen zum akademischen Schreiben, rechtlichen Hinweisen bzgl. der Veröffentlichung von Arbeiten und (für internationale Studenten) kulturellen Besonderheiten besonders reichhaltig.
Das Tolle ist aber, dass die Betreuung und Information nicht nach der Einführungswoche aufhört. Ausdrücklich betont man in Melbourne die Nutzung der zahlreichen vorhandenen sog. Services (Dienste). Dabei handelt es sich um spezielle, von der Uni finanzierte Einrichtungen, die für alle möglichen Probleme Hilfestellung und Beratung anbieten (mehr dazu auch später im Abschnitt über die Angebote der Student Union). Wichtig für den akademischen Erfolg sind vor allem die LLSU (Language and Learning Skills Unit) und die ESL (English as a Second Language Unit).

Die LLSU bietet während des Semesters unzählige Veranstaltungen für alle Studienniveaus an. In mehreren Teilveranstaltungen kann man hier beispielsweise sehr viel über alle Aspekte des akademischen Schreibens lernen. Wenn ein größeres Forschungs-Essay über das Semester hinweg angefertigt werden muss, lohnt es sich, regelmäßig die Angebote zu nutzen, um so nach und nach bei der Entstehung des Essays unterstützt zu werden. Es gibt sogar die Möglichkeit, seine Arbeit mehrmals probelesen zu lassen, um Fehler in der Argumentation oder Schlüssigkeit der Darstellung aufzudecken. Außerdem gibt es auch Angebote, die sich meist einem aktuell wichtigen Thema widmen (beispielsweise Zeitmanagement in der Mitte des Semesters, wenn besonders viele Assignments fällig sind, oder Umgang mit Prüfungsangst zum Beginn der Prüfungszeit).

Für internationale Studenten besonders hilfreich ist die ESL, die eine Vielzahl an Veranstaltungen zur Verbesserung der Englisch-Fähigkeiten anbietet. Neben „traditionellen“ Kursen über Grammatik und Wortwahl beim akademischem Schreiben oder Präsentationstechniken gibt es auch nicht ganz so ernste Veranstaltungen zur Erweiterung des allgemeinen Wortschatzes in „Standard-Situationen“ mit besonderer Beachtung australischer Eigentümlichkeiten. Deshalb eignen sich diese Kurse auch gut dazu, etwas über die australische Kultur kennen zu lernen.

Zusätzlich zu all diesen Angeboten werden oft auch in den Fächern selbst allgemeine Fähigkeiten vermittelt. Beispielsweise hat der Professor des von mir belegten Fachs über australische Kultur und Geschichte in der Mitte des Semesters einen Essaywriting-Workshop veranstaltet, um die nötigen Kenntnisse zum Schreiben einer bevorstehenden Forschungsarbeit zu vermitteln. In einem anderen Fach war die Leiterin der Zweigbibliothek Engineering eingeladen worden, die sehr sachkundig eine Stunde lang über das Auffinden von Informationen und die Literaturrecherche speziell in der Informatik referierte. Unter anderem bekam ich hier erstmals einen Überblick über Suchmaschinen, Kataloge und Verleger relevanter Online-Journale. Außerdem wurde erklärt, wie man an der University of Melbourne die Abonnements von Web-Publikationen nutzt.

Neben der Betonung des Forschungsaspektes ist bei den Assignments in der Regel auch das Üben der Arbeit im Team sehr wichtig. In beinah jedem Fach ist ein mittelgroßes Gruppenprojekt Teil der Endnote (zusätzlich zu aufwändigen ein- oder zweisemestrigen Praktika, die es auch in Dresden gibt). Das Interessante an Teamarbeiten in Melbourne ist, dass die Teams in aller Regel international bunt gemischt sind. Das heißt, dass nicht nur die übliche Projektorganisation (Termine, Diskussionen, Arbeitsaufteilung, Fristen und Deadlines etc.) geübt wird, sondern man auch sehr viel über die Arbeit in einer multikulturellen Arbeitsgruppe und die damit verbundenen Herausforderungen lernt.

Die Ausstattung der Universität ist auch voll und ganz auf Teamarbeiten ausgerichtet. Gerade in den neueren Gebäuden finden sich überall kleine Ecken mit Tischen und Sitzgelegenheiten, die sich perfekt für Gruppentreffen eignen. Im hochmodernen ICT-Building (Information and Communication Technology), in dem unter anderem das Department of Computer Science and Software Engineering zu Hause ist, existiert auch eine separate Etage speziell für Postgraduate-Studenten. Dort gibt es eine Menge kleinerer Studierräume mit Internetanschluss, Whiteboard und einem großen Konferenztisch in der Mitte. Eine Küche mit Kaffeemaschine und ein großer Gemeinschaftsraum sorgen für die nötige Entspannung.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich an der University of Melbourne eine Lernumgebung erlebt habe, die von Forschung und Studieren in einem Maße geprägt war, wie ich das bis dahin nicht gekannt hatte. Sicher auch durch die räumliche Enge des Campus bedingt (mehr dazu weiter unten) sah man eigentlich ständig Gruppen von Studenten, die angeregt in Diskussionen oder Projektarbeiten vertieft waren. Auch die Bibliotheken waren zu jeder Zeit mit emsig lernenden Studenten gefüllt. Insgesamt eine sehr interessante Erfahrung für mich, da ich früher doch eher der „Heimarbeiter“ gewesen bin und die räumliche Entfernung der Fakultät Informatik vom Hauptcampus der TU Dresden doch etwas Studienatmosphäre vermissen lässt.


Meine Fächerwahl – Softwaretechnologie, Australisches und Chinesisch

Da ich in Melbourne im Rahmen eines sog. Study Abroad – Programms (und nicht als Austauschstudent) studiert habe, hatte ich bei der Fächerwahl die größtmögliche Freiheit, da ich praktisch aus dem gesamten Kursangebot der Uni wählen konnte. Ich war mir auch im Klaren darüber, dass der Auslandsaufenthalt mein Studium um ein Jahr verlängern würde. Daher war es mir wichtig Fächer zu wählen, die es so nicht unbedingt in Dresden gab und die mich interessierten. Inwieweit ich belegte Kurse im Rahmen meines Studiums in Deutschland anrechnen lassen könnte, war da erst einmal nebenrangig.

An der University of Melbourne gibt es keine separate Fakultät Informatik. Stattdessen gehört das Department of Computer Science and Software Engineering (kurz CSSE) zur Fakultät Engineering (wie beispielsweise auch die Elektrotechnik, der Maschinenbau und das Bauingenieurwesen). Interessant ist, dass es im Undergraduate-Bereich zwei verschiedene Informatik-Studiengänge gibt. Neben dem klassischen dreijährigen Bachelor of Computer Science kann man sich auch in vier Jahren zum Bachelor of Software Engineering ausbilden lassen. Da dies auch meine Spezialisierungsrichtung im Bereich der Medieninformatik darstellt, war es interessant zu sehen, dass in Melbourne der Unterschied zwischen den zwei Richtungen so stark betont wird. Tatsächlich wird Software Engineering als eigenständige Ingenieursdisziplin gesehen, die sich mit der systematischen Entwicklung von Software beschäftigt – inklusive der damit verbundenen Herausforderungen in den Bereichen HCI (Human Computer Interaction), Management und menschlich-sozialen Faktoren. Konsequenterweise gehören zum Inhalt des Kurses auch zwei jeweils ein Jahr währende Gruppenprojekte sowie Management- und nichttechnische Wahlfächer aus dem gesamten Angebot der Universität.

Trotzdem muss ich an dieser Stelle kritisch anmerken, dass meine Ausbildung im Bereich Softwaretechnologie an der TU Dresden anscheinend effektiver und tiefgehender war als das in Melbourne der Fall ist. In Gruppenprojekten und Tutoriums-Diskussionen ist mir immer wieder aufgefallen, dass selbst Studenten im „final year“ (also kurz vor dem Abschluss) wichtige Konzepte beispielsweise der modernen objektorientierten Programmierung nicht beherrschen. Dafür sind meiner Meinung nach elementare Informatikfähigkeiten (etwa in den Bereichen Algorithmierung und prozedurale Programmierung) weitaus stärker ausgeprägt als bei den meisten Studenten in Dresden. Tatsächlich werden an der University of Melbourne in praktischen Projekten bis hin zum dritten oder vierten Jahr vor allem grundlegende Fähigkeiten gelehrt. Als Programmierumgebung benutzen die Studenten beispielsweise freie Entwicklungswerkzeuge aus dem Unix-Bereich, während in Dresden schon im ersten Jahr hochkomplexe Entwicklungsumgebungen wie das Microsoft Visual Studio verwendet werden.

Anscheinend besteht das Ziel der Bachelor-Ausbildung vor allem darin, grundlegende und fundierte Programmier- und Informatikfähigkeiten zu vermitteln. Die professionelle Entwicklung großer Systeme sollen die Absolventen wohl zum großen Teil erst im Job erlernen und diese Kenntnisse dann unter Umständen in einem Masterstudiengang vertiefen. Ich muss sagen, dass ich mich durch ein deutsches Diplom eigentlich besser auf eine zukünftige professionelle Arbeit in der Industrie vorbereitet fühle. Allerdings brauche ich dafür auch wesentlich länger als die teilweise 21jährigen Bachelor-Absolventen.

Trotzdem gab es bei der enorm reichhaltigen Fächerauswahl auch zahlreiche Angebote aus dem dritten bzw. vierten Lehrjahr, die als so genannte Electives (Wahlpflichtfächer) auch spezialisierte Kenntnisse vermitteln und auf dem Niveau unserer Hauptstudiumsfächer liegen. Zudem konnte ich als Study Abroad – Student aufgrund meiner Vorkenntnisse auch im PostgraduateBereich studieren, solange ich das vorher mit den Professoren abklärte.
In meinem ersten Semester (das nach dem akademischen Jahr der University of Melbourne eigentlich das zweite Semester war), belegte ich zwei Fächer am CSSE-Department. Im Undergraduate-Bereich besuchte ich die Vorlesung Software Engineering Methods, die sich mit dem Erzielen von Qualitätseigenschaften in Software durch die Anwendung bestimmter ingenieurmäßiger Methoden beschäftigte. Dabei stand insbesondere das Testen von Software im Blickpunkt, aber auch das Reliability Engineering, das Performance Engineering und das Safety Engineering (in etwa mit Zuverlässigkeits-, Performanz- und Sicherheitsingenieurwesen zu übersetzen) waren Thema der Veranstaltung. In mehreren Assignments und praktischen Arbeiten konnte das Gelernte auch gleich angewendet werden, was die Vorlesung wesentlich praxisnäher als die thematisch ähnliche Veranstaltung Softwarequalitätssicherung in Dresden werden ließ. Zudem war ein größeres Teamprojekt zu bearbeiten, in dem mehrere Entwicklungsstadien eines Programms auf die Zuverlässigkeit hin untersucht werden mussten, um daraus mittels geeigneter Modelle und Regressionsmethoden Aussagen über den Testprozess abzuleiten. Insgesamt eine hervorragende Vorlesung, die besonders vom humorvollen Vortragsstil des Dozenten profitierte.

Die zweite Veranstaltung namens Software Engineering Case Studies war ein Fach aus dem Master-Studiengang „Master of Software Engineering“. Der Unterschied zum Undergraduate-Bereich bestand zum einen in der deutlich geringeren Teilnehmerzahl (etwa 12), zum anderen in der Organisation des Faches. Statt strikt getrennter Vorlesung und Übung gab es zwei Seminartermine pro Woche, bei denen die zwei (!) Lehrverantwortlichen in einer Mischung aus Vorlesung, Diskussion und Gruppenaufgaben den Lehrstoff vermittelten. Der Raum war dementsprechend auch wesentlich kleiner und ähnelte mit den halbkreisförmig angeordneten Sitzreihen und modernster Präsentationstechnik eher einem Konferenz- oder Beratungszimmer. Inhaltlich sollte es zwar eigentlich um Fallstudien aus der Softwaretechnik-Praxis gehen, doch es wurde schnell klar, dass die Veranstaltung vor allem das Ziel hatte, Kenntnisse über Forschungstechniken und das Schreiben akademischer Arbeiten zu vermitteln. Konsequenterweise gab es auch keine Abschlussklausur, sondern ein Hauptbestandteil der Note war (neben kleineren Essays, einem Vortrag und einem persönlichen Interview) ein Forschungsaufsatz, der in einem vierköpfigen Team über das Semester hinweg zu erstellen war. Besonders in diesem Fach habe ich durch die intensive und kompetente Betreuung ungeheuer viel über wissenschaftliches Arbeiten und Methodik gelernt. Gastvorträge von Entwicklern und Managern aus der Industrie sorgten zudem für Praxisnähe. Außerdem lernte man, dass die vermittelten Fähigkeiten der Problemanalyse und wissenschaftlichen Ausarbeitung auch und gerade in der Wirtschaft essentiell sind, wenn es darum geht, Berichte und „Consulting Papers“ auszuarbeiten.

Am Department of Information Systems (das wohl in Deutschland einem Wirtschaftsinformatik-Institut entspricht), besuchte ich die Vorlesung Distributed Systems. Wie weiter oben schon angedeutet, war dies allerdings eine recht große Enttäuschung, da zu viele Technologien aus dem Bereich der verteilten Systeme inhaltlich nur kurz angesprochen wurden und der nötige (technische) Tiefgang fehlte. Anscheinend ist es auch in Australien wie in Deutschland im Bereich der Wirtschaftsinformatik nur wichtig, einmal von den Dingen gehört zu haben als sie tatsächlich anwenden zu können. Der einschläfernde Vortragsstil des Dozenten tat sein übriges, um mich vom regelmäßigen Besuch dieser Veranstaltung abzuhalten. Unglücklicherweise war das anfangs so nicht abzusehen und es ist leider nur in den ersten zwei Wochen möglich, seine Kurswahl zu ändern. Allerdings sollte dieser kleine Ausrutscher auch die einzige Negativerfahrung im akademischen Bereich bleiben, so dass er meinen Aufenthalt an der University of Melbourne nicht zu nachhaltig getrübt hat.

Das vierte (und letzte) von mir im ersten Semester belegte Fach hieß Australia Now und wurde von der Faculty of Arts im Bereich der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften angeboten. Gedacht ist es vor allem für ausländische Studenten (dementsprechend bunt gemischt war dann auch das Publikum), aber auch einheimische Studenten können es im ersten Semester in der Vertiefungsrichtung „AustralienWissenschaften“ belegen. Die Vorlesungen reichten inhaltlich von der Geschichte Australiens über eine Einführung in die Problematik der sog. „indigenous issues“, also dem Umgang mit den Aborigines als Ureinwohnern des Landes, bis hin zu australischen Sportidolen und Kinofilmen „made down under“. Insgesamt wurde also eine erhebliche Bandbreite abgedeckt, die es mir beispielsweise ermöglichte, die Tagespolitik des Landes besser zu verstehen. Zudem wurde auch bei dieser Einführungsveranstaltung schon viel Wert auf sauberes wissenschaftliches Arbeiten gelegt und ich denke, dass es mir nicht geschadet hat, auch einmal einen Forschungsaufsatz über das Problem der nationalen Identität Australiens zu schreiben.


Im zweiten Semester belegte ich neben zwei Computer Science Subjects im Postgraduate-Bereich auch gleich zwei Fächer zur chinesischen Sprachausbildung. Ich hatte ja in Deutschland schon ein Jahr lang Japanisch gelernt, konnte dies aber aufgrund organisatorischer Schwierigkeiten in Australien nicht fortsetzen. An der University of Melbourne sind nämlich die Japanisch-Kurse 25 Credit Points pro Semester, was etwa 10 Wochenstunden entspricht. Das war mir im ersten Semester zu viel gewesen, da es die Hälfte meines Stundenplans ausgefüllt hätte. Unglücklicherweise wurde im zweiten Semester (was wie erwähnt eigentlich das erste Semester im Jahresablauf der Universität ist) nur der Anfängerkurs angeboten, zu dem ich aufgrund meiner Vorkenntnisse nicht zugelassen wurde. Da ich allerdings durch meine vielen Kontakte zu Studenten aus Südostasien und meine Reise nach Malaysia (mehr dazu später) auch ein tiefer gehendes Interesse an der chinesischen Kultur und Sprache entwickelt hatte, fiel es mir nicht schwer, als Alternative einen Grundlagenkurs in Chinesisch zu besuchen. Es war auch spannend, einmal die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Sprachen zu analysieren. Insbesondere beim Erlernen der Schriftzeichen hatte ich Vorteile, da die Japaner ja die Schrift ursprünglich von den Chinesen übernommen haben. Die im Laufe der Zeit erfolgten landesspezifischen Veränderungen in Schreibweise, Benutzung und Bedeutung der Zeichen zu entdecken war eine hochinteressante Beschäftigung für mich.

Insgesamt 6 Wochenstunden Unterricht plus intensives Selbststudium im Sprachlabor verwendete ich für die zwei Kurse Introductory Chinese 1A und Spoken Introductory Chinese 1A. Das Niveau war recht anspruchsvoll, da es sich ja nicht nur um einen reinen Sprachkurs handelte, sondern der Unterricht Teil der Angebote im Rahmen eines Bachelor-Studienganges „ChinaWissenschaften“ am „Sydney Meyer Asia Centre“ der Universität war. Jede Woche waren etwa 30 Schriftzeichen zu lernen und in die Bewertung flossen mehrere schriftliche Tests, eine Prüfung zum Hörverstehen und ein mündliches Interview ein.

Neben Chinesisch besuchte ich wie erwähnt auch noch zwei Kurse am Department of Computer Science and Software Engineering. Das Master-Fach Text and Document Management beschäftigte sich mit Textkompressions-, Indizierungs- und Such-Techniken für enorm große Datenbestände. Das Komprimieren und schnelle, gezielte Auffinden großer Mengen an Informationen wird in unserer heutigen Informationsgesellschaft ja immer wichtiger. Das Fach war stark algorithmisch und theoretisch geprägt und ausgesprochen anspruchsvoll. Neben einer Präsentation und zwei Prüfungen war auch ein umfangreicher Report zu einem praktischen Projekt anzufertigen. Das Besondere an dem Kurs war, dass der Lehrverantwortliche, Prof. Alistair Moffat, eine absolute Koryphäe auf seinem Gebiet ist. Das hatte ich am Anfang gar nicht gewusst, da er auch noch relativ jung ist und die Vorlesung betont locker und witzig gestaltete. Bei der Literaturrecherche für die Assignments fiel dann aber auf, dass sein Name immer wieder als Autor auftauchte oder zitiert wurde und er bei vielen entscheidenden Entwicklungen und Forschungsergebnissen beteiligt war. Kurz gesagt, der Mann ist berühmt und es war eine interessante Erfahrung, einmal bei einem führenden Vertreter seines Fachs lernen zu können.

Die zweite Vorlesung aus dem Bereich der Informatik mit dem Titel Intelligent Software Agents befasste sich mit einer aktuellen Entwicklung auf dem Gebiet der Softwaretechnologie, den sog. Agentensystemen. Das Ziel dieser Forschungsrichtung ist es, autonom und intelligent agierende Softwareeinheiten zu kreieren, um so unterschiedliche Aufgaben wie Informationsbeschaffung aus dem Internet oder die Simulation von wirtschaftlichen Prozessen zu ermöglichen. Besonders im militärischen Bereich wird diese Technik schon intensiv eingesetzt und mehrere Gastdozenten aus der Industrie zeigten Projekte, die unter anderem für das australische Verteidigungsministerium realisiert wurden. Obwohl die Idee der Agenten schon vergleichsweise alt ist, gibt es erst seit wenigen Jahren allgemein verfügbare und ausgereifte Programmierumgebungen. Insbesondere die dahinter stehenden Softwareentwicklungsmethoden und -standards sind aber noch überwiegend Stand der Forschung. An der University of Melbourne hat der verantwortliche Professor Leon Sterling deshalb das „Intelligent Software Agents Lab“ gegründet, um die Forschung in diesem Bereich voranzutreiben. Teile der Vorlesung beleuchteten deshalb auch die aktuelle Entwicklungsarbeit am Lehrstuhl. Insgesamt war dies eine sehr interessante Vorlesung, die mir als Anhänger der objektorientierten Software-Entwicklung Einblick in ein weiteres, in der Zukunft sicher wichtiges Paradigma der Software-Technologie gegeben hat. Zudem bot auch dieses Fach Gelegenheit, wissenschaftliche Praktiken zu erproben, da eine umfangreiche Liste an Papers durchgearbeitet sowie ein großer Bericht und eine Präsentation angefertigt werden mussten.


Neben dem Studium – Clubs, Theater, Festivals und Sport

Neben dem Studium hat mich natürlich auch das kulturelle Angebot der Universität beschäftigt. In der Tat bietet die University of Melbourne eine sehr stark sozial geprägte Studienumgebung. Der Campus, der nur einen Block im rechteckigen Straßenraster Melbournes ausmacht, ist angesichts der 40.000 Studenten beinah zu klein und mit einer Vielzahl an Cafés und Restaurants übersäht. Zudem gibt es jede Menge Rasenflächen und Sitzgruppen, verwinkelte Gänge und Ecken und viel grüne Bepflanzung. Dazu kommt die unmittelbare Nähe zur Lygon Street mit all ihren Restaurants, Cafés und Geschäften. In direkter Umgebung des Campus (aber nicht im Campusgelände selbst) gibt es zudem mindestens fünf Pubs (Kneipen), die mir bekannt sind.

Folge des Ganzen ist, dass es auf dem Campus eigentlich immer sehr lebendig zugeht und man sich nie einsam fühlt. Aufgrund der räumlichen Beschränkung trifft man trotz der Unmengen an Studenten auch ständig Freunde und Bekannte wieder, was besonders am Anfang sehr vorteilhaft ist, falls man vergessen hat, Kontaktdaten auszutauschen. Beispielsweise lief mir gleich in der ersten Woche eine Studentin aus Dresden über den Weg, die ich tags zuvor auf einer Party nur flüchtig kennen gelernt hatte.

Zentraler Mittelpunkt des sozialen und kulturellen Lebens ist das so genannte Union House. Dieses mehrstöckige Gebäude wird von der Student Union verwaltet, der gewählten Vertretung aller Studierenden und damit in etwa mit dem Studentenrat an deutschen Hochschulen vergleichbar. Zu den Aufgaben der Student Union zählen (wie in Deutschland) Sachen wie Interessensvertretung, Mitsprache in Gremien, Herausgabe von Informationsbroschüren und Uni-Zeitungen, Jobvermittlung, Beratung in rechtlichen, sozialen, religiösen, akademischen und sonstigen Fragen und natürlich die Organisation kultureller Ereignisse. Im Gegensatz zu Deutschland sind allerdings die Einflussmöglichkeiten der Student Union wesentlich größer. Aus dem großen Topf der Studiengebühren erhält sie einen Teil des „Amenities and Services Fee“ (in etwa „Gebühr für Annehmlichkeiten und Leistungen“), was einem Budget von ca. 14 Millionen australischen Dollars entspricht. Damit ist natürlich die Finanzierung wesentlich umfangreicherer Angebote möglich als dies in Deutschland der Fall ist.

Das Union House selbst ist im Vergleich zur StuRa-Baracke in Dresden auch deutlich imposanter. Auf vier Ebenen verteilt finden sich hier unter anderem ein Gemischtwarenhändler, ein Fahrradladen, ein Friseur, ein Computerzubehör-Shop, ein Schreibwarenladen, ein Reisebüro und eine enorm große Menge an Imbisstheken. Das Angebot reicht vom „Fish and Chips“-Shop über Sandwich- und Juice-Bars bis hin zur Sushi-Bar. Zwei chinesische und ein indischer Imbiss sorgen für weitere Abwechslung und natürlich gibt es auch mehrere Cafés sowie diverse Süßwarenläden (Donut King und Eisdiele) in dem Gebäude.

Aber das ist noch bei weitem nicht alles. Auf der zweiten Etage findet man z.B. die International Students Lounge des Melbourne University Overseas Students Service (mehr zu MUOSS etwas später), wo man unter anderem kostenlosen Tee und Kaffee sowie internationale Tageszeitungen bekommen kann. Daneben gibt es weitere spezielle Räumlichkeiten für bestimmte Studentengruppen, die ein einfaches Kennenlernen Gleichgesinnter ermöglichen (Mature Students Lounge, Queer Lounge u.a.). Des Weiteren beherbergt das Union House ein Kino (das auch für Musicals und Theateraufführungen benutzt wird), eine Kunstgalerie, mehrere Bastel- und Workshop-Räume und eine größere Bar mit Billard, Großbildfernseher und Außenterrasse. Erwähnenswert ist weiterhin die Rowden White Library, die als Motto bezeichnenderweise „Don’t study“ („Nicht studieren“) hat und eine riesige Sammlung an Romanen, Belletristik, DVDs, Videos und Musik zur Ausleihe bereithält. Außerdem gibt es dort Rechner mit Internet-Anschluss für die passionierten Computerspieler unter den Studenten sowie einen „Entspannungsraum“ mit Sitzsäcken und der Möglichkeit, Musik über Kopfhörer zu hören. Im obersten Stockwerk befindet sich zudem ein gut ausgestattetes Computerkabinett zum Internet-Surfen, Drucken und Scannen.

Natürlich sind im Union House auch die Büros der studentischen Vertreter zu finden. Zusätzlich gibt es einen Service and Information Desk, wo man unter anderem Camping-Ausrüstung mieten oder sich auch für einen der zahlreichen so genannten „Short courses“ anmelden kann. Dabei handelt es sich um einsemestrige Kurse aus so unterschiedlichen Bereichen wie Fitness, Computersoftware oder Meditationstechniken. Es ist verständlich, dass der Betrieb eines solchen Gebäudes enorme Kosten verursacht, da ja auch eine Menge Reinigungs- und Wartungspersonal sowie ein Sicherheitsdienst bezahlt werden müssen.

Trotzdem bleibt anscheinend noch genug Geld, um eine unglaubliche Fülle an kulturellen Veranstaltungen zu organisieren. Am auffälligsten sind sicherlich die zahlreichen kostenlosen BBQs (Grillfeste) und „Lunch Time Concerts“ auf dem „North Court“ (ein Platz hinter dem Union House). Jeden Dienstag und Donnerstag wurde hier eine Bühne aufgebaut, auf der studentische Bands ihr Können zum Besten gaben. Ab und zu gab es auch mal Open-Air-Kino (zusätzlich zu den regelmäßigen Vorführungen aktueller Kinofilme im eigentlichen Kinosaal). Richtig viel Engagement bewiesen die Organisatoren bei Festivals und Themenwochen. Zum sog. „Mud Fest“ im November gab es beispielsweise zwei Wochen lang eine Vielzahl an Veranstaltungen unter dem Thema „studentische Kunst und Kultur“. Die zahlreichen Vereine der Uni zeigten mit Akrobatik, Tanz, Gesang und Schauspiel, was sie drauf haben und parallel hatte man die Möglichkeit, in mehreren Ausstellungen die Kreativität und das Talent von Studenten in der Malerei und Plastik zu bewundern.

Generell muss man auch sagen, dass sehr viel für die (finanzielle und organisatorische) Unterstützung studentischer Vereine und Clubs getan wird. In der Tat wird es als normal und förderlich angesehen, wenn man als Student nicht nur über seinen Büchern hockt, sondern sich irgendwo außerakademisch engagiert. Die geringe Stundenanzahl pro Woche und die damit einhergehende Flexibilität sowie die kulturell und sozial reiche Campusumgebung (siehe oben) machen dies möglich. Eine Beteiligung bei Clubs und Societies wird von der Uni auch nicht als pure Freizeitgestaltung gesehen, sondern als wichtiger Aspekt zur persönlichen Weiterentwicklung. Das Grußwort des Vice Chancellors an neue internationale Studenten drückte dies aus: „ In addition to academic excellence, you will find the University of Melbourne offering a wealth of opportunities, which will enhance your personal and professional development. There are many international student organisations and activities, […] many student clubs and societies.” (“Sie werden sehen, dass die University of Melbourne zusätzlich zu akademischer Exzellenz eine Vielzahl an Möglichkeiten bietet, ihre persönliche und fachliche Entwicklung zu fördern. Es gibt viele Organisationen und Veranstaltungen für internationale Studenten, […] viele studentische Clubs und Vereine“) Auch in anderen Informationsbroschüren und Hinweisblättern wurde man immer wieder dazu aufgefordert einem Club beizutreten, um so auch schnell neue Freunde zu finden.

Die Bandbreite der Clubs reicht dabei von diversen Theatergruppen (z.B. „Chinese Theatre Group“) über Sportclubs bis hin zum „Anime Watchers Club“ oder auch „Star Trek Fan Club“, die in zur Verfügung gestellten Räumen des Union House regelmäßig ihre Lieblings-Fernsehserien anschauen. Die große Internationalität auf dem Campus bedingt, dass auch praktisch jede ausländische Studentengruppe ihren eigenen Club hat, wobei auch und gerade einheimische Studenten oft mitarbeiten, sei es um Sprachkenntnisse zu verbessern oder Einblicke in andere Kulturen zu erlangen. Zum Beginn jeden Semesters gibt es die „Clubs and Societies Days“, an denen sich alle Clubs mit Ständen rund ums Union House präsentieren und neue Mitglieder anwerben. Auch während des Semesters waren im Erdgeschoss des Union House eigentlich jeden Tag Tische aufgebaut, an denen beispielsweise Karten für eine der zahlreichen kulturellen Veranstaltungen verkauft wurden. Das Niveau der studentischen Aufführungen in den Bereichen Theater, Musical und Tanz ist dabei beeindruckend hoch und erreichte meist die Qualität professioneller Produktionen. Früher war der Besuch eines Musicals für mich etwas Exklusives und Seltenes, in Melbourne wurde dies aufgrund der günstigen Ticketpreise und der zentralen Lage des Veranstaltungsortes (eben das Union House) zur schönen Regelmäßigkeit.

Ansonsten hatte ich aufgrund der flexiblen Studienzeiten auch viel Zeit zum Sporttreiben. Der Vorteil in Melbourne ist, dass (wie alles andere auf dem Campus) die Sportstätten nicht sehr weit entfernt sind (direkt gegenüber vom Union House). Dadurch kann man auch mal zwischen zwei Vorlesungen schnell eine Stunde im Fitnessstudio einschieben, ohne dazu wie in Dresden den Campus verlassen zu müssen. Generell ist alles etwas weniger zentral gesteuert als an der TUD. „Melbourne University Sport“ stellt im Wesentlichen nur die Anlagen zur Verfügung, die einzelnen Sportarten werden dann durch studentische Vereine vertreten, die die nötigen Trainingsräume und Sportstätten für die entsprechende Zeit anmieten. Das wirkt sich aufgrund des großen Engagements der Studenten aber nicht negativ auf das Angebot aus, das in etwas vergleichbar mit Dresden ist (lokale Besonderheiten wie der Surf Club seien einmal außer Acht gelassen). Ich selber bin dem Tischtennisclub beigetreten und habe ansonsten regen Gebrauch von der professionellen Ausstattung des Fitnessstudios der Uni gemacht. Im zweiten Semester war zudem endlich die Restaurierung der Schwimmhalle auf dem Campus abgeschlossen, so dass ich auch recht häufig dort meine Bahnen gedreht habe.

Insgesamt kann ich sagen, dass es mir in Australien viel leichter gefallen ist, einen gesunden Ausgleich zwischen Studium und sonstigen Aktivitäten zu finden als an der TU. Sicher gibt es auch in Dresden Clubs und Vereinigungen, in denen man sich engagieren kann, aber die starke Unterstützung durch die Universität sorgt in Melbourne dafür, dass man praktisch „mit der Nase darauf gestoßen wird“. Die Clubs haben aufgrund der finanziellen Zuwendungen der Uni auch viel mehr Möglichkeiten Werbung zu machen und sind einfach besser ins Campusleben integriert.


Außerakademisches Engagement – was ich sonst noch so gemacht habe

Da ich die Zeit an der University of Melbourne nicht nur zum Studieren nutzen wollte, suchte ich von Anfang an nach Möglichkeiten, über außerakademisches Engagement neue Freunde kennen zu lernen und Einblicke in andere Kulturen zu erhalten. Ideale Voraussetzungen dafür fand ich in MUOSS.

Der Melbourne University Overseas Student Service ist die offizielle Vertretung aller internationalen Studenten an der University of Melbourne. Von außen wirkt MUOSS ziemlich bürokratisch, da es sehr viele unterschiedliche Positionen mit wichtig klingenden Namen (Education Vice President, Activities Officer, Liaison Director, Co-Opted Education Officer, Secretary General etc.) gibt. Wenn man allerdings erst einmal hinter die Kulissen geschaut und die Leute kennen gelernt hat, stellt man fest, dass es sich um eine Gruppe hoch motivierter, engagierter und ungemein humorvoller Studenten handelt, die jeden Spaß mitmachen und eine sehr herzliche Beziehung untereinander haben. Wahlen für das MUOSS-Komitee finden jedes Jahr in der Mitte des ersten Semester (April / Mai) statt. Wahlberechtigt sind alle internationalen Studenten der Uni.

Die wichtigsten Aufgaben von MUOSS sind die Vertretung der Interessen internationaler Studenten, die Förderung der kulturellen Vielfalt auf dem Campus, die Integration ausländischer Studenten in das Unileben und die Erleichterung des Übergangs in eine für viele unbekannte kulturelle Umgebung sowie natürlich die Organisation von Parties, Festivals und anderen Veranstaltungen mit internationalem Charakter.

Ich selber bin quasi gleich von Anfang an mit MUOSS bekannt geworden, da meine Mentorin im Rahmen des Willkommensprogramms der Uni zufälligerweise gerade die amtierende Präsidentin war. In der Folgezeit habe ich dann sehr oft als sog. „Volunteer“ (Freiwilliger) bei der Durchführung verschiedenster Veranstaltungen mitgeholfen. Gerade die Mitarbeit bei MUOSS hat es mir ermöglicht, innerhalb kurzer Zeit eine Vielzahl von Studenten aus aller Welt kennen zu lernen. Im Gegensatz zu den eher flüchtigen Bekanntschaften, die man bei Partys und anderen sozialen Ereignissen macht, habe ich durch MUOSS tiefe, andauernde Freundschaften geschlossen und intensive Einblicke in andere Kulturen bekommen. Ich denke, dass die offene, internationale und freundschaftliche Atmosphäre bei MUOSS mit Sicherheit zu den nachhaltigsten Eindrücken gehört, die ich während meines Auslandsaufenthaltes gewonnen habe.

Dazu trug auch bei, dass ein Großteil der Komitee-Mitglieder und Volunteers aus Asien stammt. Insbesondere Malaysia, Singapur und Indonesien sind stark vertreten, aber es gab auch immer viele Mithelfer aus China, Indien, Mauritius, Brunei, Japan und anderen fernöstlichen Ländern. Unter Europäern und Amerikanern herrscht ja sehr oft das Vorurteil, dass man nur schlecht oder gar nicht mit Asiaten in Kontakt kommen kann. Die Kluft zwischen den Kulturen ist leider immer noch sehr groß und selbst unter den toleranten Australiern (vorwiegend mit angelsächsischem Hintergrund) ist Scheu, Abgrenzung oder sogar Ablehnung gegenüber Menschen aus Asien relativ verbreitet. Persönlich denke ich, dass ein großer Teil dieses Verhaltens aus Unwissenheit und Angst vor dem Fremden und Unbekannten resultiert (was an sich ja auch sehr menschlich ist). Konsequenterweise führt dies aber dazu, dass sich auch Studenten mit asiatischer Herkunft oft abgrenzen und den Kontakt mit Leuten aus westlichen Kulturen meiden.

Ich selber habe keine derartigen Berührungsängste und habe mit Freude die Gelegenheit genutzt, mehr über mir vorher fast völlig unbekannte Länder wie Malaysia zu erfahren. Ich denke, dass die Erfahrungen und Eindrücke gerade auch bei meinem Besuch in Malaysia und Singapur (mehr dazu später) sowie die Vielzahl an neu geschlossenen Freundschaften eine wunderbare Belohnung für diese Offenheit waren. Ich kann wirklich jedem, der in ein multikulturelles Land wie Australien geht, nur raten, einmal über den Tellerrand des Bekannten hinauszuschauen. Natürlich ist es oft wesentlich einfacher, mit einem amerikanischen oder französischen Austauchstudenten in Kontakt zu kommen als mit einem Iraker oder Japaner, aber die Überwindung des größeren kulturellen Unterschieds kann meiner Meinung nach auch einen ungleich höheren Gewinn für die eigene Persönlichkeit bedeuten.

Das erste Event, bei dem ich mitgeholfen habe, war das Festival of Nations, das Ende August stattfand und über mehrere Tage ging. Hauptattraktion war die „International Food Fair“ (in etwa Messe für Internationales Essen). In Zusammenarbeit mit den verschiedenen internationalen Clubs und Vereinigungen hatten wir dafür auf dem North Court einen großen Basar mit Kochern, Grills und Theken aufgebaut, wo dann den interessierten Gästen Essen aus aller Welt verkauft wurde. Parallel gab es auf der Bühne internationales Flair mit Live-Musik und diversen Performances (Martial Arts, Tanz u.a.). Einer der chinesischen Kulturvereine veranstaltete sogar einen echten „Lion dance“. Jeder, der schon einmal Berichte über das chinesische Neujahrsfest gesehen hat, wird diese Tänze mit dem charakteristischen, von mehreren Tänzern getragenen Löwenfigur und dem lauten Trommelgewirbel kennen. Neben der Food Fair gab es mehrere Filmabende mit internationalen Filmen im Originalton und in mehreren Räumen die „International Games Exhibition“, wo man beispielsweise das chinesische „Nationalspiel“ Mahjong ausprobieren konnte. Abschluss des Festival of Nations war die „World Music Night“ mit vielen verschiedenen internationalen Musik- und Showeinlagen auf der Bühne des Ballsaals im Union House.

Das nächste größere Ereignis war die International Orientation 2004, also die Erstsemestereinführung für neue internationale Studenten, an der ich ja ein halbes Jahr vorher selbst als Student teilgenommen hatte. MUOSS arbeitet hier eng mit dem International Office zusammen, um die gemeinsamen Veranstaltungen zu koordinieren. Zu unseren Aufgaben gehörten beispielsweise organisatorische Sachen wie das Verteilen von Informationsmappen oder das Anbringen von Hinweispfeilen auf dem Campus, um die Studenten zu ihren Einführungsveranstaltungen zu lotsen. Wesentlich interessanter war natürlich die Organisation kultureller Aktivitäten. Unter anderem war ich einer der Gruppenleiter bei der Stadtrundfahrt und Besichtigung von Sehenswürdigkeiten. Des Weiteren gab es wieder einmal den Bush Dance, bei dem man diverse australische Volkstänze lernen kann und auch mal eine Bullenpeitsche schwingen darf. Der Bush Dance erfreut sich immer riesiger Beliebtheit unter den Studenten, weil er aufgrund der häufigen Partnerwechsel die ideale Gelegenheit ist, viele neue Leute kennen zu lernen und entstandene Kontakte beim gemütlichen Dinner danach zu vertiefen. Außerdem gab es noch eine Schnitzeljagd über den Campus und einen „Summer Spirit“ genannten Nachmittag mit Spielen auf dem „South Lawn“, der größten Rasenfläche auf dem Campus. Auch aufgrund des fantastischen SommerWetters Ende Februar waren alle diese Veranstaltungen ein voller Erfolg.

Ähnlich dem Festival of Nations gab es auch im zweiten Semester ein interkulturelles Event. Der so genannte Night Market war den riesigen nächtlichen Märkten in Asien und Südostasien nachempfunden. Auf der großen Fläche vor dem Union House, die treffend Concrete Lawn (Betonrasen) genannt wird, bauten wir wieder Stände und kleine Buden auf, in denen am Abend viel gutes Essen und jede Menge Schmuck, Bilder, Stoffe, Kleinkunst und anderer „Kram“ verkauft wurde. Dazu organisierten wir kleine Spiele und natürlich gab es wieder jede Menge Unterhaltung mit Musik und Tanz auf der Bühne.


Neben meiner Mithilfe bei den MUOSS-Veranstaltungen habe ich mich auch noch anderweitig an der Uni engagiert. So hatte ich beispielsweise einen guten Kontakt zum International Office. Die Leute dort waren immer sehr hilfsbereit waren und man konnte stets auf ein kleines Gespräch vorbeikommen. Es ist wirklich erstaunlich, wie persönlich der Kontakt zu den Mitarbeitern der Uni mit der Zeit wurde. Vom ersten Besuch nach der Ankunft bis hin zur Verabschiedung am Schluss hatten sie immer ein offenen Ohr und Zeit für persönliche Probleme und Fragen. Kurz: man fühlte sich jederzeit willkommen.

Aufgrund dieser guten Beziehung wurde ich auch des Öfteren um Mithilfe bei Projekten des International Office gebeten. So begleitete ich Anfang des zweiten Semesters im Rahmen der „Cultural Tours“ Eltern von neuen internationalen Studenten bei einer Führung durch den Campus, die das Ziel hatte, kulturell und historisch signifikante Gebäude und Plätze vorzustellen. Außerdem besuchten wir mehrere der über den Campus verstreuten Museen und Ausstellungen. Des Weiteren nahm ich an einer Fokusgruppe teil, die die Qualität der International Orientation evaluieren und Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen sollte. Ein schönes Projekt war auch die Neugestaltung der „Study Abroad and Exchange“-Broschüre der Universität. Dafür wurde ich als einer von sechs Studenten nach meinen Erfahrungen als internationaler Student in Melbourne gefragt und außerdem gab es ein Foto-Shooting, das Szenen aus dem Studieralltag in Melbourne festhielt. Die Photos und Ausschnitte aus dem Interview sind nun in diesem offiziellen Informationsheft der Uni zu finden.

Sehr interessant war auch die Mitarbeit als so genannter „Student Host“ bei der allgemeinen, von der Unileitung organisierten Orientation 2004 (zusätzlich zu meiner Mithilfe bei der durch das International Office und MUOSS durchgeführten International Orientation). Dabei war ich als Mentor für eine Gruppe von australischen Erstsemestern verantwortlich, um ihnen den Start ins Studentenleben so einfach wie möglich zu gestalten. Das Programm war sehr professionell organisiert. Es gab eine vorbereitende Schulung und jede Menge Informationsmaterial zu Gruppenarbeit und Tutortätigkeit. Außerdem wurde jeder neu immatrikulierte Student schon automatisch einer Tutorgruppe zugeteilt. Konkret sah das so aus, dass ich eine Adressliste bekam und die mir zugeteilten Studenten vor Beginn des Semesters angerufen habe, um mich und das Programm vorzustellen und einen Treffpunkt für den ersten Tag der Einführungswoche zu vereinbaren. An diesem Tag habe ich mit ihnen dann einen Campusrundgang gemacht, etwas über das Studieren an der University of Melbourne erzählt und sie auch zu Informations- und Einführungsveranstaltungen begleitet. Auch in den Tagen und Wochen danach stand ich ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung.

Neben diesen Aktivitäten habe ich außerdem ein wenig bei der Gestaltung des semesterweise erscheinenden internationalen Studentenmagazins „The Voice“ mitgeholfen. Unter anderem habe ich Kommentare und Statements als internationaler Student sowie Veranstaltungsphotos beigesteuert und auch einen längeren Artikel zum Thema „What is typical German?“ („Was ist typisch deutsch?“) geschrieben.

Insgesamt war es wirklich sehr schön, sich einmal ein Jahr lang noch intensiver als sonst mit außerakademischen Dingen beschäftigen zu können, ohne das nagende Gefühl, nicht genug fürs Studium zu machen. Das konsequente Ziel der Universität, neben dem Lernen ausreichend Freiräume für gesellschaftliches Engagement zu schaffen und dieses auch aktiv zu fördern, möchte ich deshalb ausdrücklich hervorheben. In Deutschland wird dies durch zeitlich eng begrenzte Studienordnungen und voll gepackte Stundenpläne oft erschwert (nicht umsonst sind derzeit gleich mehrere Geschäftsführerposten im Studentenrat der TU Dresden unbesetzt).


Meine Reisen – Outback, Großstädte und Südostasien

Natürlich ist für mich ein Hauptgrund dafür, nach Australien zu gehen, auch die Möglichkeit gewesen, fantastische und teilweise völlig unberührte Naturlandschaften zu erleben. Ich möchte an dieser Stelle natürlich nicht meine ausführlicheren Reiseberichte wiedergeben, sondern werde mich auf ein paar kurze Worte zu einigen Reisezielen und ein paar Photos beschränken, um dem Leser vielleicht auch Anregungen für den nächsten Urlaub zu geben.

Mein erster Ausflug innerhalb Australiens war ein Campingtrip mit meinen Mitbewohnern in die Berglandschaft der Grampions, nicht allzu weit von Melbourne entfernt. Dies war auch das erste Mal, dass ich etwas von der Einsamkeit Australiens erleben durfte, auch wenn der Staat Victoria natürlich zu den am dichtest besiedelten Gebieten Australiens gehört. Nichtsdestotrotz bietet sich einem in den Wäldern der Grampions bei Nacht ein absolut traumhaft klarer Sternenhimmel, da der nächste Ort eine halbe Stunde entfernt ist und es sich dabei im Wesentlichen nur um einen Supermarkt und eine Tankstelle handelt. Die Landschaft in den Grampions ist sehr malerisch und es gibt viele Aussichtsplattformen und Wasserfälle zu besichtigen.

Ende November folgte ich der Einladung meiner Freunde und verbrachte drei wunderschöne Wochen in Malaysia, wo ich abseits der üblichen Touristenpfade auch eine Menge über Geschichte und Kultur dieses Landes gelernt habe. Der Kontrast zwischen hochmodernem urbanem Leben in Kuala Lumpur und traditioneller muslimischer Lebensweise in den Dschungelgebieten war dabei überaus faszinierend. Neben der reizvollen Landschaft bietet Malaysia durch die verschiedenen dort lebenden Rassen zudem die Möglichkeit, eine unglaubliche Vielfalt an asiatischem Essen zu probieren. Ich hatte natürlich den unschätzbaren Vorteil, dass mich meine fachkundigen einheimischen Freunde zu den verschiedensten Restaurants und Märkten führen konnten, die man allein kaum gefunden hätte.

Direkt nach meiner Rückkehr aus Asien startete auch schon meine nächste Urlaubsreise. Zusammen mit meiner Familie fuhr ich zwei Wochen lang im Wohnmobil durch Victoria und erkundete die dortigen Nationalparks und Naturschauspiele, darunter auch den landschaftlich sehr beeindruckenden „Wilson’s Promontory“, die Zwergpinguinkolonie auf Philipp Island und natürlich die „Great Ocean Road“, eine über 300 km lange Straße entlang atemberaubender Küstenlandschaft.

Ende Februar besuchte ich zum zweiten Mal die Weltstadt Sydney, nachdem ich schon zwischen Weihnachten und Neujahr für einen Tag dort gewesen war. Dieses Mal hatte ich mehr Zeit (und besseres Wetter), um die Stadt in aller Ruhe zu besichtigen. Dazu gehörte natürlich auch eine Fährenfahrt im weltberühmten Hafen und ein Besuch der vielen herrlichen Strände, die Sydney zu bieten hat.

Während des „Mid-semester-break“ Anfang April verbrachte ich dann den wahrscheinlich schönsten Urlaub während meines Aufenthaltes. Zusammen mit einer Gruppe von 22 anderen internationalen Studenten und zwei Reiseführern tourte ich fast zwei Wochen lang durch Western Australia, eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Australiens. Auf einer Fläche, die der Größe von Westeuropa entspricht, leben hier etwa 2 Millionen Menschen (und der größte Teil davon in Perth). Hier findet man die oft zitierten endlosen Highways inmitten der rot gefärbten OutbackWüste, wo es passieren kann, dass man stundenlang niemandem begegnet. Zu den Highlights der Reise gehörten riesige Felsspalten und Flusstäler (sog. Gorges) im Karijini National Park, unberührte, kilometerlange weiße Sandstrände am Indischen Ozean und das Ningaloo Reef, ein gigantisches Korallenriff unmittelbar an der Küste. Ich denke, dass es vor allem dieser Trip war, der mir gezeigt hat, was für fantastische Naturwelten es auf dieser Welt gibt und was man noch alles entdecken kann. Und dass man für eine Weile auch perfekt ohne fließend Wasser, Strom und Komfort auskommen kann. Im Gegenteil, mehrere Nächte unter freiem Himmel (auch ohne Zelt) inmitten einer endlos weiten Wüste zu verbringen, kann durchaus sehr viele reizvolle Momente haben.

Natürlich wäre mein Aufenthalt in Australien nicht perfekt gewesen, wenn ich nicht auch die Hauptstadt gesehen hätte. Also flog ich Anfang Juni noch für ein paar Tage nach Canberra, besuchte Parlament und Museen und stellte fest, dass die Stadt zwar künstlich und charakterlos wirkt, aber erstaunlich viel an Kultur und Unterhaltung zu bieten hat.

Meine letzte längere Exkursion in „down under“ führte mich dann zwei Wochen vor dem Abflug endlich ins „Red Centre“ des Kontinents. Neben dem ikonhaften Ayer’s Rock (von den dortigen Aborigines Uluru genannt) besuchte unsere Gruppe von überwiegend internationalen Studenten auch King’s Canyon, die Olgas, die McDonnel Ranges und viele weitere beeindruckende Fels- und Wüstenlandschaften. Natürlich hatten wir auch einen mehrtägigen Aufenthalt in und um Alice Springs, der einzigen größeren Stadt in der Mitte Australiens. Insgesamt war dies erneut eine fantastische Reise voller Erfahrungen und Eindrücke, auch wenn besonders die Rückfahrt stark von Wehmut geprägt war.

Die Gefühle zu beschreiben, die mich bei dieser vorerst letzten Rückkehr nach Melbourne ergriffen, ist mir nicht wirklich möglich. Immer wieder hatte ich ja nach dem Ende einer meiner Reisen die vielen Lichter der Stadt vom Flugzeug oder Bus aus gesehen und dieses wohlige Gefühl gehabt, wieder „zu Hause“ zu sein. Dieses Mal war es anders, denn ich wusste, dass das Ende dieses Ausflugs gleichzeitig das Ende meines Jahres in Australien bedeutete. Jeder Kilometer näher an Melbourne bedeutete auch wieder ein Stück näher an Deutschland.
Bevor ich aber ganz zurück nach Dresden geflogen bin, habe ich noch einen kleinen Stopover-Aufenthalt in Singapur gemacht. Etwas hektischer und lauter als Malaysia bietet dieser Stadtstaat trotzdem asiatische Freundlichkeit, hervorragendes Essen und viel Kultur. Besonders der Kontrast zwischen den lebhaften ethnischen Vierteln „Little India“ und Chinatown und den majestätischen englischen Prachtbauten aus der Kolonialzeit ist sehr faszinierend. Was in Singapur auffällt, ist die beachtliche Konsumlust der Menschen. Endlose Straßenzüge voller Einkaufszentren dominieren das Stadtbild. Dazu sind weite Gebiete unterirdisch mit Shopping-Arkaden verbunden. Insgesamt recht beeindruckend, auch wenn ich mir kaum vorstellen konnte, wie so viele Geschäfte parallel existieren können.


Rückblick und Abschluss

Nachdem ich nun den zeitlichen Rahmen bis zur Rückkehr nach Deutschland gespannt habe, ist dies wahrscheinlich ein passender Moment, den Bericht zu beenden. Ich hoffe, dass der Bericht unterhaltsam und lesenswert war und einen guten Einblick in meinen Auslandsaufenthalt gegeben hat. Sicher gäbe es noch viel mehr zu erzählen, auch sind manche Aspekte vielleicht etwas zu kurz gekommen. Für Nachfragen stehe ich natürlich gern zur Verfügung. Es wäre schön, wenn aus dem Gesagten zumindest ansatzweise die Faszination deutlich geworden ist, die der Aufenthalt in Melbourne und Australien auf mich ausgeübt hat. Wie schon am Anfang erwähnt, hat mich dieses eine Jahr persönlich stark verändert und, wie ich denke, weitergebracht. Mein zukünftiger Lebensweg zeichnet sich zwar bei weitem nicht mehr so klar und geradlinig vor mir ab wie das vielleicht vor einem Jahr der Fall war, aber vielleicht ist dies auch ganz gut so. „Wer wagt gewinnt“ sagt man ja oft und ich bin fest dazu entschlossen, noch ein paar Wagnisse in meinem Leben einzugehen.

No worries and bye bye,
Matthias Bräuer

Australian Academic Alumni Association
© by Institut Ranke-Heinemann - Studium/Studieren in Australien und Neuseeland, 2010