Erfahrungsbericht für das Institut Ranke Heinemann
“Ein Auslandsemester an der University of Melbourne, Semester 1, 2006“
Insa Rullkötter
Hinweis: Bitte beachtet, dass dies die “Nur-Text-Version” des Berichtes ist. Die pdf Version mit zusätzlichen Grafiken und Bildern findet Ihr unter
folgendem Link.
In Deutschland teilen sich 82 150 000 Einwohner 357 020 km².
Das sind 0,0043 km² pro Einwohner.
In Australien hingegen leben gerade einmal 19 195 000 Einwohner,
welche sich jedoch 7 692 030 km² teilen.
Somit kommen 0,4007 km² auf einen Einwohner!
In Australien hat der Einzelne demnach 93 mal mehr Platz als in Deutschland.
Ein Gefühl von Freiheit....?!!
Zeit fließt wahrlich wie Wasser und ehe ich es realisieren konnte, war mein Austauschsemester auch schon wieder vorbei. Vor mir liegt nun mein großer roter Koffer mit all dem, was mich die Airline aus meinem achtmonatigen Leben in Australien mit nach Hause nehmen ließ. Von meinen Wänden schauen mich Bilder von Landschaften, Menschen und Momenten an, auf der Festplatte meines Laptops stapeln sich Essays über „Aboriginal Art“ und noch viel mehr Bilddateien, die mich allesamt daran erinnern, was für eine grandiose Zeit in Melbourne hinter mir liegt.
„If Australia still tugs at your heart strings, prepare for it and make it count“, lautete die Antwort einer australischen Professorin per Email auf meine Frage, ob es denn wirklich möglich sei, Kunstgeschichte in Australien zu studieren. Zugeben, den traditionellen Weg, der üblicherweise ins europäische Ausland führt, habe ich mit dieser reichlich exotischen Wahl nicht eingeschlagen, aber wieso nicht mal über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs hinausschauen? Mein Herz hängt an diesem Land seit ich nach meinem Abitur einige Zeit in Sydney verbracht habe und dort zur Aufbesserung meiner Sprachkenntnisse ein International College for Oversea Students besucht habe. Mit dem Beginn meines Studiums zurück in Deutschland wuchs sodann der Wunsch, zurückzukehren und mich fachbezogen mit australischer Kunst zu beschäftigen. Durch das Akademische Auslandsamt meiner Universität besuchte ich unterschiedliche Infoveranstaltungen und suchte den Kontakt zu Ehemaligen. Beim Vergleich der zur Auswahl stehenden Universitäten fiel meine Wahl recht bald auf die University of Melbourne, da mir sowohl das Studienangebot als auch die Stadt auf Anhieb gefielen. Beraten wurde ich bei dieser Entscheidung darüber hinaus von den Mitarbeiterinnen des Instituts Ranke Heinemann, über das ich meine Bewerbung problemlos habe abwickeln können, sowie vom Staff des International Office in Australien. Meine Entscheidung stand also fest: Ich werde mein 6. Semester in einem Land studieren, das dem Einzelnen 93 mal mehr Platz als in Deutschland bereitstellt und in einer Stadt, die für seine „four seasons in one day“ bekannt ist.
Über das Institut Ranke Heinemann bewarb ich mich sodann mit allen nötigen Unterlagen, u.a. mit dem TOEFL-Sprachtest, den ich Monate zuvor im Prometric Testzentrum in Frankfurt abgelegt hatte. Die Uni ließ mit ihrem Offer Letter leider ein bisschen auf sich warten, was aber wohl mehr an der TOEFL-Firma ETS lag, die es versäumt hatte, die im Testpreis inbegriffenen Transcript Results nach Melbourne zu schicken. Nach einigen Emails und Faxen ließ sich aber auch dieses Problem aus der Welt schaffen und wieder einmal waren die Ansprechpersonen in Melbourne sehr geduldig und hilfsbereit. Zusammen mit der Beantragung des Online-Visums stand für mich fest, dass ich mich für ein Apartment im Studentenwohnheimkomplex namens „College Square“ bewerben wollte. Dieses von YMCA Australia betriebene Wohnheim beherbergt fast ausschließlich internationale Studenten, wobei es sich bei diesen größtenteils um Amerikaner und Asiaten handelt. Zentral im italienischen Stadtteil Carlton an der lebhaften Lygon Street gelegen, betrug mein Weg zur Uni lediglich fünf Minuten zu Fuß. Durch meine frühzeitige Bewerbung wurde mir ein Two-Bedroom-Apartment zugeteilt, während die Mehrzahl der Austauschstudenten normalerweise in Twin-Share-Apartments, d.h. ein Schlafzimmer mit zwei Betten, unterkommt. Sollte man nicht zusammen mit einem Freund anreisen, so gestaltet sich die Zuordnung des/der Mitbewohner/in rein zufällig. Entgegen meiner Zimmernummer „1313“ habe ich in dieser Hinsicht unglaublich viel Glück gehabt, so wohnte ich während des Semesters mit einer absolut liebenswerten Amerikanerin aus Minnesota zusammen, die ich von Anfang an in mein Herz geschlossen habe.
Das Kennenlernen neuer Leute gestaltete sich in den ersten Tagen und Wochen problemlos. Vor Beginn des Semesters nahm ich an dem von Studenten der Residental Colleges (Ormond und Newman College) veranstalteten Melbourne Welcome Program teil, was ich jedem zukünftigen Studenten der University of Melbourne nur wärmstens empfehlen kann und für das man sich im Vorfeld online bewerben muss. Neben dem ausgiebigen Erkunden der Stadt (Verkehrssystem, Zoo, Museen, Strand etc.) und der australischen Lebensart standen auch Surfstunden und Formal Dinner à la Harry Potter auf dem Programm. Auch mein Wohnheim College Square bot in den ersten Wochen kostenfreie Freizeitaktivitäten und Campwochenenden an, bei denen Freundschaften geschlossen wurden, die mich während meines Semesters in Melbourne begleitet haben. Nun, wo ich auf diese Monate zurückblicke, kann ich sagen, dass ich dort eine Gruppe von Freunden gefunden habe, die zu meiner „Familie auf Zeit“ geworden sind. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Persönlichkeiten, mit denen ich so unglaublich viel zusammen erlebt habe, viele Partys gefeiert, auf Field Trips Australien erkundet, gelacht und geweint und am Schluss zusammen für die Examen gelernt habe.
Die University of Melbourne bietet ihren internationalen Studenten in der Orientation Week vor Beginn des Semesters ein umfangreiches Informationsprogramm. Neben einer Einführung in die Bibliothek erfuhr man u.a., wie man sich einschreibt, seinen Emailaccount aktiviert oder australische Essays strukturieren sollte. Die Informationsveranstaltungen der jeweiligen Fakultäten habe ich als sehr strukturiert und durchorganisiert empfunden. Jeder Student erhält eine individuelle Mappe, die die personalisierten Unterlagen für die Einschreibung enthält. Neben studienbedingten Veranstaltungen kommen aber auch solche mit Spaßfaktor nicht zu kurz. Teilnehmen konnte man an einer Rallye durch Melbourne, einer Einführung in Bush Dance, Campusführungen und BBQ’s, sowie Kochkurse („Two minute noodles are not enough“) und eine Veranstaltung, in der man über die billigsten Reisemöglichkeiten in Australien informiert wurde, und nebenbei noch einen Trip nach Sydney gewinnen konnte. Mit der Zeit verwandelte sich der Universitätscampus in einen riesigen Zirkus: Kostümierte Leute liefen durch die Gegend und als new student wurde man nur so mit Zuckerwatte, kostenlosen Give-Aways und Stapeln an Infobroschüren beglückt. Lohnenswert ist es, sich frühzeitig im Internet schon über die vom International Students Outdoor Program (ISOP) angebotenen Field Trips zu informieren. Zu wirklich unschlagbaren Preisen werden dort Eintagestouren in die Umgebung sowie Events wie Rockclimbing, Swimming with Dolphins etc. angeboten, neben größeren Mehrtagestouren, von denen viele in der Semester-Break stattfinden (z.B. Western Australia, Central Australia oder East Coast). Neben einer gehörigen Portion Spaß und aufgeschlossenen Teilnehmern enthalten diese Touren immer auch einen pädagogischen Aspekt, so dass man nebenbei ein ordentliches Wissen über die Gegend, Pflanzen, Tiere und Kuriositäten Australiens mitnimmt. Ich selbst habe vier Touren über das Semester verteilt mitgemacht: Kayaking at Dusk auf dem Yarra River (eine tolle Art, Melbourne mal aus einer anderen Perspektive zu erkunden), zwei Trips in die Gebirgsregionen Victorias - in die Dandenong Ranges und Grampians - bestritten, sowie zum Ende des Semesters eine viertägige Tour quer durch Tasmanien. Ich war von allen Touren restlos begeistert. Phillip Island und die obligatorische Great Ocean Road (wenn man schon im australischen Bundesstaat Victoria studiert, ist dies natürlich ein absolutes Muss) habe ich zusammen mit YMCA College Square erkundet – ebenfalls lohnenswert und um ein Vieles günstiger als bei üblichen Touristenunternehmen!!
Die vier Kurse, die ich während meines Semesters an der University of Melbourne belegt habe, beschäftigten sich alle in irgendeiner Weise mit Aspekten Australiens, die ich mit meinen eigenen Studien- und Fachinteressen kombiniert habe. Neben fachbezogenen Thematiken wollte ich möglichst viel über das Land lernen, das ich acht Monate mein Zuhause nennen sollte/wollte.
„Exploring Central Australia“, so nannte sich mein wohl absoluter Lieblingskurs. In einer Gruppe von nur 25 Studenten (man musste ich vorher schriftlich um die Zulassung bewerben) haben wir die Geschichte und den Mythus des Red Centres Australiens thematisiert, mit Buchautoren gesprochen und viele intensive Diskussionen geführt. Das Highlight dieses Kurses bildete der einwöchige Field Trip ins Outback. In diesen Tagen, die wir in Alice Springs und Umgebung (Uluru, Kata Tjuta etc.) verbrachten, bekamen wir die Möglichkeit, mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt zu treten und vor Ort eigene Forschung für unser Research Essay zu betreiben. Auch auf diesem vom „Australian Centre“ der Universität angebotenen Trip hatte das „educational input“ höchste Priorität. Wir besuchten die ‚Stolen Generation Unit’ in Alice Springs, sprachen mit Aborigines in einer ‚remote community’, diskutierten mit dem ‚Land Council’ über die Landrechte der Aborigines und übernachtete mehrere Nächte in typisch australischen Swags (Schlafsack) auf einer Cattle Station irgendwo im australischen Outback unter dem Sternenhimmel, das Southern Cross direkt über uns.
„Australia Now“ ist der wohl bekannteste Kurs für internationale Studenten an der University of Melbourne – nicht zuletzt aufgrund des breit gefächerten Überblicks, den man als „Touri“ über Australien erhält, in Bereich wie Geschichte, Politik, Sport, Aborigines, sowie Kunst und Kultur. Hinzukommen unterschiedliche Spezialisten der einzelnen Fachrichtungen, die zu Gastvorträgen eingeladen werden. Unterstützt wird dies sodann noch durch unterschiedliche Lernformate, wie Filme oder offenen Diskussionen. Die zweistündige, wöchentliche Vorlesung wird zudem noch durch ein einstündiges Tutorium unterstützt, das ein Forum für Fragen und vertiefende Gespräche bietet. Auch in diesem vom „Australian Centre“ angebotenen Kurs war es möglich, das Thema des abschließenden Essays selbst zu wählen, so dass es möglich war, sich entsprechend seiner eigenen Fachrichtung ganz gezielt mit etwas „Australischem“ auseinanderzusetzen.
In meinem dritten Kurs „Picturing Australia“ stand die Beschäftigung der Repräsentation Australiens in den Medien im Vordergrund. Strukturiert und anschaulich aufbereitet bekam man einen Einblick, welches Bild Australiens in 200 Jahren Bildmedien in die Welt getragen wurde – aus der eigenen internationalen Perspektive eine reichlich spannende Angelegenheit. Neben dem obligatorischen Research Essay musste man für diesen Kurs auch ein Photo Journal anfertigen – dem jeweiligen Wochenthema entsprechend hieß es drei repräsentative Bilder der jeweiligen Zeitepoche in den Tiefen der Unibibliothek zu finden und diese entsprechend darzustellen und zu interpretieren.
Mein vierter Kurs nannte sich „Contemporary Aboriginal Art“ und brachte viele aktuelle Diskussionen mit sich, die sich zurzeit in Australien um die Schwierigkeiten im Umgang mit der zeitgenössischen Kunst der Ureinwohner ranken. Dabei wurde nicht nur auf kunsthistorische Aspekte eingegangen, sondern auch auf generelle Thematiken wie „Land rights“, „Kinship systems“ und das Marketing von traditioneller Aboriginal Art in Museen und Kunstgalerien. Gastvorträge unterschiedlicher berühmter Persönlichkeiten – Künstler, Forscher und Museumsdirektoren – bildeten einen gelungenen Rahmen dieser absolut schwierigen, aber das heutige australische Leben beherrschenden Thematik.
Neben dem Studium bietet Melbourne jede Menge Abwechslung, und dies nicht nur auf dem Campus in Form von unterschiedlichen Aktivitäten, von Street Latin Dance bis hin zu Clubs wie der „Chocolate Lovers Society“. Das Zentrum der sichtlich europäisch geprägten Stadt bildet der Yarra River mit seinen wunderschönen Promenaden und der Skyline, die abends in unterschiedlichen Lichtern erstrahlt und von den stündlichen Feuerfontänen des Crown Casinos erhellt wird. St. Kilda, Melbournes Strandort ist nur eine halbe Stunde vom Stadtzentrum entfernt und ist, wie eigentlich jeder Spot am leichtesten mit der Tram zu erreichen. Das Tramsystem ist leicht zu verstehen und auch für internationale Studenten mit kleinem Budget ansprechend. Die Lebensfreunde der Melburinans (Achtung, hier lässt man tatsächlich das ‚o’ weg) kommt aber erst dann so richtig zum Vorschein, wenn es um die vielen Festivitäten geht, die diese Stadt jährlich austrägt: von den Tennis Open, dem Formel 1 Grand Prix, dem Comedy-, sowie Food & Wine Festival… in Melbourne ist wahrlich immer was los. Während meines Austauschsemesters hatte ich das Glück, dass die Commonwealth Games 2006 in Melbourne ausgetragen wurden und die ganze Stadt auf den Beinen war. Es wurde soviel gefeiert, gelacht und gelebt… eben australisch!
Ich bin unheimlich dankbar, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, ein Semester an der University of Melbourne zu studieren. Das Stipendium des Ranke-Heinemann-Instituts hat finanziell einen großen Teil dazu beitragen, wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken möchte. Ich habe in diesen wenigen Monaten so viele unglaubliche Menschen kennen gelernt, die wohl beklopptesten und gleichzeitig tollsten Geschichten in meinem Leben erlebt, an Selbstbewusstsein gewonnen, viel über Australien und die Sicht auf meine eigene Nationalität sowie Europa gelernt und mein Leben in vollen Zügen genossen. Ich hätte mir manchmal gewünscht, ich könnte die Zeit einfach anhalten…
\"...Once you start, all you can think of is being a waitress in a Paris bistro, or writing a novel in London, serving Vodka tonics in Prague, or laying on Sydney beaches. Once you begin, you are no longer afraid to go. And if you could afford it, you would throw aside all your responsibilities and go where the wind would take you. You could easily be talked into catching the first plane to Sao Paulo and selling beads on the street. Or at least you believe this now. And this is the feeling of living someplace foreign.\"
Insa Rullkötter