Studieren am schönsten Strand der Erde
Byron Bay – The Most Eastern Point of Australien Main Land – So steht es auf dem Schild nahe des Leuchtturms, der eine optimale Sicht über die Buchten des von John Byron im 18. Jahrhundert entdeckten Landstrich ermöglicht. Wenn man dann noch weiß, dass dieser kleine Ort ca. 200 km südlich von Brisbane und ca. 800 km nördlich von Sydney liegt, hat man schon mal eine geografische Vorstellung, weiß aber noch nicht, was einem hier begegnen wird, 20.000 km von zu Hause entfernt.
Hätte mir vorher jemand gesagt, dass ich meine Freundin verlieren würde, ich mir eine Küche mit 60 Leuten teilen muss und das Studium nicht so ist, wie ich es mir vorstelle, wäre ich vermutlich zu Hause geblieben. Natürlich wäre das trotzdem ein Fehler gewesen. Denn ich habe gelernt. Für mich, über mich und über das Leben. Das hört sich an, wie die Werbesprüche, die immer in den Prospekten der Unis stehen. Wie bereits erwähnt; nicht alles entsprach meinen Vorstellungen. In vielerlei Hinsicht bin ich enttäuscht worden, doch unzählige Male wurde ich positiv überrascht, wurde begeistert, mitgerissen, erfreut und auch belohnt für meine Entscheidung. Es war sicherlich die extremste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen hatte.
Seit März 2005 halte ich einen „Bachelor in Recording Arts“ in meinen Händen. Und das ist nur eines der Dinge, die ich neben einem Boomerang, ca. 15.000 Fotos, Kontakten, Freunde in aller Welt und wertvollen Erfahrungen mit nach Hause gebracht habe. Ich habe am SAE College Byron Bay studiert. Bekannt ist dieser Ort als Backpackertreff in ganz Australien. Er wird nicht umsonst als eine der lebenswertesten Städte des trockensten Kontinents der Welt bezeichnet. Hier erholt man sich, hier feiert man, hier reist man durch, hier surft man, hier taucht man, hier lebt man… ja und einige wenige studieren hier auch.
Ca. 500 Studenten aus aller Welt (und wenn ich sage aus aller Welt, meine ich das so), studieren in den Bereichen Film, Audio, Multimedia, Animation oder Game Design. Kein Kontinent wurde ausgelassen. So gab es neben meinem Zimmermitbewohner aus Malaysia, Studenten aus nahezu jedem europäischen Land aber auch Exoten, wie Shane aus Südafrika, Jasper von den Niederländischen Antillen, Aileen aus Hong Kong oder Ronnie von der französischen Insel Reunion. Dieser Mix war toll. Wer kann schon behaupten zusammen mit Menschen von allen 5 Kontinenten und dazwischen studiert und gelebt zu haben.
Aufbauend auf meine Ausbildung am SAE College Köln (School for Audio Engineering), entschied ich mich, einen Bachelor Abschluss in Australien zu machen. Da dieses System aus dem englischsprachigen Raum kommt und in Ländern wie USA, England oder eben Australien gang und gebe ist, war das der nächste sinnvolle Schritt, zumal auch in Europa ein einheitliches Ausbildungssystem angestrebt wird. Die Schule wurde 1976 in Australien gegründet, hat mittlerweile über 45 Niederlassungen weltweit, davon 7 in Deutschland. Oktober 2003 wurde das World Headquarter in Byron Bay aus dem Boden gestampft. Geschaffen wurde ein Campus mit ca. 10 Tonstudios, unzähligen Computern mit aktueller Software für Multimedia und Filmanwendungen, Unterkünfte für 60 Studenten samt Küche, Aufenthaltsraum und Tischtennisplatte. Umrahmt ist das Ganze von einer schönen Grünanlage mit Palmen ca. 10 Minuten vom Strand entfernt – zu Fuß durch den Wald bzw. mit dem Fahrrad in Richtung Ort.
12 Monate hatte ich also Zeit, mein Studium abzuschließen. Es galt 5 Module mit je 30 Credits und eine Bachelor Arbeit zu bewältigen. Das dann auch noch auf Englisch und ohne die hier üblichen Semesterferien von 3 Monaten, was aber eine Eigenheit der Schule und nicht die Australiens ist.
Die Möglichkeiten zur Ablenkung sind jedoch nicht zu unterschätzen. Byron Bay ist DER Spot zum Surfen, da ein riesiger Strand in einer geschützten Bucht zur Verfügung steht. Und auch wer nicht surft, wird den Strand wohl als Hauptattraktion von Byron bewerten. Ja sogar wenn man nicht schwimmt, taucht, bodysurft, wird man dem Strand etwas Tolles abgewinnen. Zwei oder Dreimal haben wir Delphine ca. 15 Meter vom Ufer entfernt springen und toben sehen. Fast jeden Tag ist der Sandcastle Bauer da, der Burgen und Schlösser aus Sand mit Motiven wie Meerjungfrauen, Delphinen oder Wassermännern verbindet. Wer einfach nur den Sonnenuntergang oder das schwenkende Licht vom Leuchtturm im Mondschein betrachten will, wird ebenfalls in Byron befriedigt. Neben Sport gibt es noch jede Menge andere Entertainment Optionen.
Fast jeden Abend kann man in Byron Live Musik aus aller Welt erleben neben den regelmäßigen Veranstaltungen am Wochenende. Eine der schönsten Locations der Erde ist wohl das Beach Hotel. Wie der Name bereits verrät, liegt es ca. 250 Meter vom Strand. Im Australischen Sommer, von Oktober bis April, und auch darüber hinaus stehen alle Flügeltüren weit geöffnet. Der Wind weht angenehm vom Meer herüber. Man sitzt gemütlich draußen unter australischer Sonne und genießt höchstwahrscheinlich ein Toohey´s New oder ein Victoria Bitter, die wohl typischsten Biere neben Fosters, das wohl mehr Europäer als Australier kennen.
Jeden ersten Sonntag im Monat findet der Byron Market statt, den man auch miterleben sollte. Hier gibt es jede Menge Handangefertigtes. Neben angepassten Lederschuhen, frisch gepresstem Zuckerrohrsaft und Sushi tümmeln sich die häufig erwähnten Aussteiger und Lebenskünstler, für die Byron so berühmt ist. Manche von ihnen zaubern Kunstwerke mit Spraydosen, andere amüsieren die Kinder, wieder andere präsentieren Austellungsstücke aus ihrem Atelier, welches häufig im „Industriegebiet“ Byrons liegt. Außerdem hat Byron Bay eine der leckersten Eisdielen der Welt und Fish´n´Chips muss man hier auch mal gegessen haben.
Wie war das also mit dem studieren jetzt gleich? Das haben wir auch zwischendurch gemacht. Unsere Dozenten waren international, kamen jedoch größtenteils aus Australien. Wer sich das mit dem Englisch nicht zutraut, dem kann ich nur Eins sagen: Ab nach Down Under. Wie jede andere Sprache lernt man auch Englisch am besten vor Ort. Dass der australische Dialekt nicht viel mit British English aus dem Schulunterricht zu tun hat und auch die Amerikaner sicherlich leichter zu verstehen sind, sollte nicht davor abschrecken nach Australien zu gehen. Durch die stark internationale Truppe war Englisch nicht nur Unterrichstssprache sondern auch der Schlüssel zur Kommunikation untereinander. Die vielen Overseasstudenten hatten das gleiche „Problem“ wie ich. Und der Mix von Amerikanern, Engländern, Australiern, Neuseeländern oder Malaien, die auch Englisch als Muttersprache haben, hilft einem weiter, seinen Sprach-horizont zu erweitern.
Während meines Jahres bin ich zwei Mal in das eine Flugstunde entfernte Sydney geflogen. Das Wetter ist wie in Byron einfach traumhaft: Wolkenfreier, blauer Himmel, 27 Grad Celsius. Die Stadt ist großartig und auf jeden Fall einen Besuch Wert, wenn man in Australien ist. Natürlich hat Australien noch viel mehr zu bieten. Man darf aber nicht vergessen, wie groß dieses Land ist. Doch auch auf der anderen Seite der Welt gibt es Billigflieger, günstige Gebrauchtautos und zudem viel günstigeres Benzin. Auch die Umgebung von Byron, das so genannte Byron Hinterland lädt dazu ein, erkundet zu werden. Leider habe ich das viel zu selten gemacht.
Um dann aber doch mit mehr Eindrücken als Byron und Sydney nach Hause zu gehen, habe ich noch eine dreiwöchige Reise im Caravan mit meinen Eltern gemacht. Wir sind die Ostküste Australiens von Byron bis nach Cairns hochgefahren und haben an verschiedenen Stationen wie Airlie Beach, Fraser Island, Whitsundays, Rockhampton halt gemacht. Gekrönt wurde das dann von einer Besichtung des Red Center inklusive Ayers Rock, dem wohl bekanntesten Wahrzeichen Australiens. Von Sydney ging es dann noch ein Mal weiter östlich. Vor meiner Heimreise wollte ich es mir nicht nehmen lassen, Neuseeland zu besichtigen.
Das drei Flugstunden entfernte Auckland war also das Ziel für die nächsten 4 Wochen, wo ich zwei in Australien kennen gelernte „Kiwis“ besucht habe. Und dass sind dann Erfahrungen, die man nicht als Tourist machen kann, wenn man zu Besuch bei einer Familie ist. Mit dem Motorboot übers Wasser brettern, segeln durch die Bucht von Auckland, übernachten auf Waiheke Island, eine Tour nach Roturoa sind Dinge, die als Tourist sicherlich nicht nur eine Menge Geld kosten sondern als Gast bei Freunden auch viel mehr Spaß machen.
Es war also ein rundum gelungener Abschluss einer insgesamt 14-monatigen Reise inkl. Studienaufenthalt in Australien. Seit meiner Rückkehr habe ich bereits einige Studenten aus Düsseldorf, Hamburg, Köln, München, Belgien und sogar Malaysia wieder getroffen. Momentan studiere ich im internationalen Studiengang Master of Multimedia Production an der FH Kiel und spiele mit dem Gedanken wieder ins Ausland zu gehen. Wohin es gehen soll? Natürlich Down Under!