Meine Vorstellung von Australien wurde – bevor ich nach Brisbane kam – doch entscheidend von eher rauen Stereotypen wie „Crocodile Dundee“ Paul Hogan oder auch „Crocodile Hunter“ Steve Irwin und dem allgegenwärtigen Surf- und Beachmythos beeinflusst. Die Dinge stellten sich dann allerdings schnell als etwas differenzierter heraus. So merkt man schon nach kurzer Zeit, dass in Australien hauptsächlich nette und offene Menschen leben, und vieles im (Queensländer-) Alltagsleben wird eher locker und relaxed gesehen; dazu später noch einige nähere Beispiele. Es kann wohl vorkommen, dass man sich von dieser Einstellung zunächst etwas verärgern lässt (wenn der Bus einfach mal ausfällt), aber letztendlich nimmt man es dann doch schulterzuckend und ebenfalls sehr entspannt hin und wünscht sich, auch zu Hause in Deutschland hätten die Menschen etwas mehr von dieser Gelassenheit.
Ich bin für ein halbes Jahr in Queenslands Hauptstadt Brisbane gezogen, um für ein Semester als internationaler Student im Study Abroad Programm an der Queensland University of Technology zu studieren.
Natürlich möchte ich mit diesem Bericht anderen Studenten, die einen Aufenthalt down under planen, bei ihren Vorbereitungen helfen, und so versuche ich mich zunächst an die wichtigsten Fragen und Probleme zu erinnern, die ich selber vor meiner Abfahrt hatte: Beispielsweise das Bezahlen der Studiengebühren oder auch das Beantragen des Studentenvisums.
Generell empfehle ich ausdrücklich sich für die Zeit hier eine Kreditkarte zu besorgen; als Student bekommt man verschiedene Sonderangebote, ich habe mich für eine Barclaycard entschieden, die das erste Jahr gebührenfrei ist und dann 12 Euro pro Jahr kostet.
Als ich mit dem COE in der Hand jedoch die Studiengebühren bezahlen sollte, besaß ich noch keine Kreditkarte, und ich entschied mich dafür das Geld an die Universität zu überweisen. Damit habe ich meine Sparkasse beauftragt, die Hinweise auf dem mitgeschickten Überweisungsformular ignorierend. Da diese Zahlung über mehrere Banken läuft, die alle ihre entsprechenden Gebühren dafür verlangen, hat das ganze dann natürlich nicht ganz hingehauen und dem Endbetrag fehlten ungefähr 15 bis 20 Australische Dollar. Das wesentliche dabei ist aber, dass dies nicht weiter schlimm war. Ich konnte den Restbetrag später hier vor Ort bezahlen. Ob das aber immer so gehandhabt wird, hängt wohl von den einzelnen Universitäten selber ab.
Für das Visum kann man sich problemlos online bewerben – nach einer kurzen Rückfrage, weil ich nicht eindeutig angegeben hatte, dass mein Militärdienst der obligatorische Grundwehrdienst war, kam dann zwei Tage später eine mickrige e-Mail, die tatsächlich schon das ganze Visum darstellt. Man kann es ausdrucken und mitnehmen wenn man möchte, aber ich habe es kein einziges Mal gebraucht.
Und alle, die mit Singapore-Air fliegen, brauchen sich auch keine besonderen Sorgen um das Gewicht ihres Gepäckes zu machen; ich selber bin zwar mit genau 20 Kilo gestartet, aber einer meiner Mitbewohner wurde mit 35 kg klaglos durchgewinkt, während ein zweiter Mitbewohner mir berichtete, seine knapp 37 kg wären von der Fluggesellschaft ebenfalls nicht beanstandet worden. Allerdings wäre ihm mitgeteilt worden, dass die Angestellten des Australischen Flughafens sich weigerten, Gepäckstücke jenseits der 35 Kilo vom Flugzeug zum Terminal zu befördern...
Um die Wohnungssuche sorgt man sich ja normalerweise auch schon in Deutschland. Auch hier kann ich für Brisbane eine Entwarnung geben. Die Universität hilft einem hierbei ungemein und es sind tatsächlich ausreichend Wohnungen frei. Alle internationalen Studenten, die ich kenne, hatten nach einer Woche eine Bleibe gefunden. Zudem haben wir hier eines der angekündigten Beispiele für den etwas lockereren Umgang der Australier. Zumindest ist es mir in Deutschland noch nicht passiert, dass ein Vermieter am Telefon jovial erklärte, man solle doch einfach einziehen, er würde dann schon irgendwann mit dem Mietvertrag vorbeikommen.
Ich persönlich bin im Stadtteil West End untergekommen. Das ist in Laufdistanz zum Gardens-Point Campus und der Innenstadt, und trotzdem hat man alles was man braucht direkt vor der Tür. Zusammengewohnt habe ich mit 14 anderen internationalen Studenten in einem echten Queensländer. Eine einmalige Erfahrung; wie man sich unschwer vorstellen kann, war immer etwas los. Meine Mitbewohner kamen aus Schottland, den Vereinigten Staaten, Malaysia, Österreich und schließlich zwei weitere Studenten aus Deutschland. Wir vereinbarten allerdings sofort uns nur englisch zu unterhalten, und es hat meistens funktioniert. Die Österreicher verstand man so ohnehin besser.
Akademisch gesehen wollte ich meinen Aufenthalt hier ebenfalls etwas locker gestalten. Ich habe also nicht ausschließlich die Kurse genommen, die bestmöglich zu meinem Physikstudium in Heidelberg gepasst hätten, sondern neben einer „Quantum Physics / Condensed Matter“ Vorlesung und einer Vorlesung für mein Nebenfach VWL besuchte ich zwei alternative Veranstaltungen: Eine Informatikvorlesung über Datenbanken und schließlich eine Vorlesung „Australian Culture and Society for international students“. Unabhängig vom eigenen Studienfach ist dieser Kurs für jeden eine Option. Ich kann ihn letztendlich empfehlen; es war inhaltlich sehr interessant, man war angehalten auf vielfältige Weise für diese Vorlesung zu arbeiten – Referate präsentieren, an einem Projekt über Brisbane mit der australischen „Parallelklasse“ arbeiten und diskutieren sowie einen Aufsatz über Australische Geschichte oder die Strandkultur / Beachmythos schreiben – und man sah so einen guten Teil der internationalen Studenten auch mal in der Uni und nicht nur in den Kneipen und Clubs.
Meine Kurse waren ausschließlich auf dem Gardens-Point Campus (GP) und somit, wie bereits erwähnt, für mich leicht in ca. 25 Minuten zu erreichen. Wer allerdings auch zu anderen Veranstaltungen zum Beispiel nach Kelvin Grove muss, für den ist der Weg aus dem West End schon deutlich länger.
Der GP liegt am südlichen Ende des Central Business District (CBD) direkt neben den Palmen der botanischen Gärten und ist mit eigenem Theater, Museum, Bibliothek und Schwimm- und Squashhalle wirklich ein netter Platz zum studieren. Die Räume sind natürlich alle klimatisiert, was bei leichter Sommerkleidung schnell mal zu einer Erkältung führen kann.
Die Vorlesungen in Informatik und Wirtschaft waren mit über 100 Studenten etwas größer, aber die zugehörigen Tutorien bestanden immer aus höchstens etwa 10 Studenten. Keine Massenabfertigung wie man sie aus Heidelberg gewohnt ist... Allgemein bin ich aber mit vielen meiner Mitbewohner einig, dass das Niveau der Veranstaltungen nicht ganz an deutsche und österreichische Universitäten oder Fachhochschulen heranreicht. Das heißt, Sachverhalte werden - meiner Ansicht nach - doch etwas langsamer, genauer und öfter erklärt; in Deutschland wird mehr erwartet, dass man sich die Dinge selber erarbeitet (wobei das auch besonders für Physik gilt, nicht so sehr für Wirtschaft; pauschale Aussagen sind immer gefährlich). Dafür ist aber der Arbeitsaufwand durch Hausaufgaben, Präsentationen und Aufsätze höher als zu Hause. Wie schon der selbstgewählte Werbespruch besagt – man möchte eine Universität „for the real world“ sein.
Wie sieht die Freizeit in Brisbane aus? Es ist generell eine gute Idee, während der Orientierungswochen nach Studentenclubs zu schauen, die einen interessieren könnten. Das Angebot ist recht groß, auch im sportlichen Bereich. So gibt es beispielsweise einen „Board Riders“ Club, in dem man surfen lernen kann, und sogar einen Handballclub habe ich gefunden! Die Spieler waren meistens auch alles Studenten aus Deutschland, Frankreich und Skandinavien, und es war eine nette Sache auch hier weiterspielen zu können.
Dann gibt es natürlich auch Clubs, die Partys und Kneipentouren organisieren, so wie den berühmten Norsk-Club. Dieser ist vom Namen her ein norwegischer Club, der aber jeden gerne aufnimmt, und in dem ebenfalls eine recht große Anzahl der internationalen Studenten Mitglied war.
Brisbane selber ist eine Stadt mit vielen jungen Menschen, und es bieten sich auch so jede Menge Möglichkeiten die Freizeit zu gestalten. Sei es mit einem gemütlichen Nachmittag am Pool in der Parklandschaft von Southbank direkt am Ufer des Brisbane River oder mit einer Shoppingtour in der Queen St Mall. Donnerstag-, Freitag- und Samstagabend ist in der Innenstadt ebenfalls viel los. Besonders Donnerstags gibt es zahlreiche „special“ Trinkangebote für Studenten. Bars und Diskotheken gibt es zahlreich im Stadtteil Fortitude Valley aber auch im CBD.
Im West End gibt es weniger Clubs aber um so mehr Bars und Cafes. Durch das meistens schöne Wetter sitzen die Menschen draußen direkt an der Strasse, und es entsteht eine fantastische Atmosphäre. Es ist durchaus lohnend einen Sonntagnachmittag bei einem Cafe in der Boundary Street, der Hauptstrasse des Stadtteils, zu verbringen.
In Southbank werden außerdem Musicals aufgeführt und es gibt ein Cineplex-Kino mit Studentenpreisen. Zudem treten international bekannte Bands, die nach Australien kommen, neben Sydney und Melbourne meist auch in Brisbane auf.
Queenslands Hauptstadt ist also allgemein gesagt eine lebhafte, dynamische Stadt, in der man seine Zeit durchaus sehr angenehm verbringen kann.
Man kann ansonsten noch über einige eher verrückte Kleinigkeiten im australischen Alltagsleben berichten: So ist ja allgemein bekannt, dass Autos hier auf der linken Seite fahren, und Orten existieren, die Namen haben wie „Wagga Wagga“, „Town of 1770“ und „Surfers Paradise“, letzteres übrigens völlig irreführend, da es zum surfen ein eher schlechter Spot sein soll. Dafür erfuhr ich aus verlässlicher Quelle, es wäre ein toller Platz, um Yoga-Kurse zu machen. Darüber hinaus ist man aber auch manchmal über ganz andere Dinge überrascht. So fiel ich eines Morgens fast aus dem Bett, als mein Radiowecker anging, und der australische Sender gerade in diesem Moment „Schnappi, das kleine Krokodil“ spielte.
Die berühmteren (tierischen) Ikonen des Landes betreffend habe ich leider nur wenig erfreuliche Erfahrungen gemacht: Der erste Koala, den ich in freier Wildbahn gesehen habe, sprang uns auf der Great Ocean Road direkt vor den Mietwagen. Durch ein Ausweichmanöver, das für unser eigenes Leben nicht ganz ungefährlich war, konnten wir aber das des possierlichen Tieres retten. Und auf der Fahrt nach Cairns habe ich leider auch eine nicht geringe Zahl von toten Kängurus am Straßenrand gesehen. Das ist natürlich nur meine eigene Erfahrung und ich will kein falsches Bild vermitteln; es gibt zweifellos auch eine ganze Menge lebender und putzmunterer Tiere dieser Art in Australien.
Ansonsten wird sich wohl kaum einer die Möglichkeit entgehen lassen, am Ende des Semesters noch einmal in Australien rumzureisen. Meine persönlichen Tipps hierfür sind unter anderem Fraser Island, die Whitsundays, Sydney und die Great Ocean Road. Am besten sollte man diese Reise aber noch im letzten gültigen Monat des Studentenvisums machen, da die Bewerbung für ein Touristenvisum ein etwas ärgerlicher und langwieriger Prozess sein kann. So wurde mir an drei verschiedenen Terminen auch in einigen Sachen dreimal unterschiedliches mitgeteilt, und für einen zusätzlichen Aufenthalt von knapp vier Wochen wollte man unbedingt einen Beweis dafür, dass ich mehr als 1000 Dollar besitze. Da nutzte es auch nichts, dass ich ein bereits bezahltes Flugticket vorlegte und verzweifelt versuchte meine leibhaftige Erscheinung als Beleg gelten zu lassen, dass ich die letzten 6 Monate auch ohne einen solchen Beweis überlebt hatte. Letztendlich wurde mir dann aber erlaubt meine 200 Dollar Gebühr zu bezahlen, und als stolzer Besuchervisumsbesitzer länger im Land zu bleiben.
Wie in so ziemlich jedem anderen Erfahrungsbericht kann auch ich am Schluss nur sagen: Wer sich einen Auslandsaufenthalt während des Studiums entgehen lässt, der verpasst etwas Einzigartiges! Ich hatte hier in Brisbane ein unglaubliches, fantastisches halbes Jahr; die Gemeinschaft der internationalen Studenten war super, und ich möchte hier gemachte Freundschaften und Erfahrungen wirklich nicht mehr missen. Mir graut fast schon davor, wieder in den deutschen Winter zurückzureisen. Brisbane ist eine nette, offene und sonnige(!) Stadt, die seit der Expo 1988 einen unvergleichlichen Aufschwung erlebt haben muss und äußerst jung und dynamisch ist. Die Attraktivität der umliegenden Gegenden steht mit Sunshine- und Goldcoast ohnehin außer Frage, und die Universität selber macht mit einer entgegenkommenden und toleranten Atmosphäre das studieren wirklich erträglich...