Es ist der 20. Februar 2005, mein Abenteuer Australien beginnt und das mit 20 Stunden Flug!
Doch zuerst einmal eine Rückblende: Wie kam ich dazu nach Australien und Melbourne zu wollen und auch hinzugehen? Vor zwei Jahren war ich schon einmal in Australien um mein Englisch zu verbessern und habe dabei schon Einblicke in ein traumhaftes Land erhalten und Freundschaften geschlossen, die sich über diese Zeit gehalten haben. Als während einer Infoveranstaltung über Auslandssemester unser Leiter des akademischen Auslandsamtes dann das Baden-Württemberg- Stipendium erwähnte, sah ich die Möglichkeit die hohen Studiengebühren in Australien aufwenden zu können und tiefer in das Land „Down Under“ einzutauchen.
Also rein in die Bürokratie, denn der Bewerbungsschluss war genau 1 Woche nach dieser Veranstaltung. Da ich an einer Berufsakademie studiere, hieß das für mich nicht nur Absprache mit Professoren, sondern auch mit meinem Betrieb. Verschiebung der Praxisphase, Überschneidung der Theoriephasen, Vor-/Nachschreiben von Klausuren sowie ein Gutachten vom Fachleiter waren nur einige Punkte, die geklärt werden mussten und dank schneller und unbürokratischer Unterstützung von beiden Seiten auch relativ schnell geklärt werden konnten.
Mein Baden – Württemberg-Stipendium war bewilligt, ich konnte in die 2. Planungsphase gehen, Kurse raussuchen und Bewerbung losschicken. Zum Glück konnte ich fast alle Kurse abdecken, so dass ich nach meiner Rückkehr weniger Stress mit Nachschreiben von Klausuren hatte. Die Bewerbung lief im Gegensatz zu manch anderen Dingen dank der großartigen Unterstützung des Ranke-Heinemann-Institutes problemlos über die Bühne. Das Ranke-Heinemann-Institut ist eine Organisation der australischen Unis in Deutschland, die extra zur Unterstützung von Studenten, die nach Australien bzw. Neuseeland gehen wollen, existiert – die Dienstleistungen sind kostenlos ! Eine super Sache!
Nachdem die Bewilligung für die Uni da war, musste ich mir noch ein Visum besorgen, doch auch das ging einigermaßen problemlos. An dieser Stelle die Bemerkung an evtl. Voreilige ohne Geduld, wie ich es auch war. Wartet die zeit ab, bis man sich das e-Visa im Internet beantragen kann. Die Mühe den Antrag in Papierform mit allen Unterlagen nach Berlin zu schicken ist vergebene Mühe, er kommt einfach unbearbeitet mit dem Vermerk aufs e-Visa zurück.
Nun aber zurück zum Studienaufenthalt. Nach 20h Flug wurde ich von Freunden am Flughafen abgeholt (die meisten Unis bieten auch Abholservice an, bzw. in Melbourne fährt auch ein Shuttlebus zwischen Flughafen und City) und musste direkt zur Einschreibung an die Uni. Diese verlief dank Unterstützung sehr schnell, auch wenn australische Formulare die gleichen Missverständnisse erzeugen können wie hier in Deutschland. Nach der Einschreibung ging es dann erst mal nach Hause, um den Jetlag „auszuschlafen“. Die ersten Wochen konnte ich bei einer Freundin auf der Couch wohnen und begab mich von dort aus auf Wohnungssuche – durchaus ein Abenteuer. Hier sei erwähnt, dass es auch Collegeplätze gibt; diese sind auch super gut um Kontakt mit anderen Studenten zu knüpfen, kosten allerdings relativ viel Geld, sind je nach Lage der Uni weit weg von der City und wimmeln von Overseasstudenten, so dass man 1 Semester verbingen kann ohne Kontakt zu Australiern gehabt zu haben.
Bei der Wohnungssuche empfiehlt es sich die Pinnwände der Unis abzuklappern, Immobilienteile der Zeitungen zu lesen – die „Shared House“-section beinhaltet die ganzen WG’s – lokale Buchläden aufzusuchen sowie im Internet auf Zeitungsseiten nach Wohnungen zu suchen. Hier auch der Tipp, sich trotz etwaiger Probleme erst in Australien für eine Wohnung zu entscheiden, nachdem man sie gesehen hat, und nichts von Deutschland aus zu klären (Ausnahme ist, wenn man sich für einen Collegeplatz entscheidet. Nach 4 Wochen und einigen ziemlich heruntergekommenen Wohnungen bzw. WG’s die Mitbewohner für min. ein Jahr gesucht haben, hatte ich endlich eine WG gefunden und konnte endlich in meine eigene Bleibe ziehen.
Meine Wohnung war ein Haus, typisch für die „Vorstädterei“ der Australier – jeder Arbeiter sollte sich ein eigenes Haus leisten können; dementsprechend „wuchern“ die Großstädte in die Breite; Melbourne hat eine max. Ausdehnung von 200km. Die Häuser sind im Vergleich zu dt. Verhältnissen klein, haben aber fast immer einen Garten.. Das Ganze findet sich in verschiedensten Bauweisen, teilweise sind die Häuser bis zu 130 Jahre alt.
Die Ausdehnung von Melbourne spiegelt sich auch in den Fahrzeiten von einem Ort zu einem anderen wider. Thornbury, der Vorort, in dem ich gewohnt habe, liegt ca. 10km von der City weg, zählt aber noch zu den inneren Suburbs. Um in die City zu gelangen brauchte die Tram ~30-40 min, der Zug 20 min; zur Uni benötigte ich ~ 20-30 Minuten mit der Tram. Melbourne’s Public Transport ist zwar gut und man kommt irgendwann überall hin, jedoch ist dies bei ungünstigten Übergängen eine längere Sache. Während ich, wie bereits erwähnt, noch bei einer Freundin gewohnt habe, musste ich eine Tram nehmen, dann auf den Bus umsteigen und wieder auf eine andere Tram. Fahrzeit: min. eine Stunde, davon Wartezeit auf den Bus min. 10 min. Wurde ich morgens von ihr mitgenommen bis zur 2. Tram, brauchte ich lediglich eine Vierstelstunde um zur Uni zu kommen.
Neben dem öffentlichen Verkehrsnetz sind in Melbourne vor allem die kulturellen und sportlichen Veranstaltungen erwähnenswert . Ohne zu übertreiben, die Stadt Melbourne bietet für jeden etwas und das 365 Tage im Jahr. Ein kleiner Auszug?: Kurzfilmfestival, International Film festival, Dirty Dancing-Musical, Lion King- Musical, Mamma Mia-Musical, Grand Prix, Australian Rules Football(dazu später mehr), unzählige Livebands aller Musikrichtungen, Design & Mode Festivals, Gartenschauen etc.
Teilweise kommt man nicht mit und weiß gar nicht, was man machen soll. Zu Melbourne’s „Attraktionen“ gehören auch diverse Strassen, die eine eigene Welt sind.In Brunswick Street finden sich tagsüber Cafe’s und nachts Pub’s und Nachtclubs, die fast täglich Livebands von Jazz über Rock bis zu „Experimental“bieten; Sydney Road ist eine kleine Welt, in der man vom Sri Lankaner über den Libanesen bis hin zum Syrier oder Tibeter alles mögliche an internationalen Restaurants findet. Wenn man durch die Strasse läuft, fühlt man sich wie in einem Melting Pot. Lygon Street hat nicht zu Unrecht den Ruf „Klein-Italiens“, hier finden sich aufgereiht italiensche Restaurants, teilweise die besten in ganz Australien und so mancher Stimme nach sogar besser als in Italien. Dies ist wohl auch auf die Einwanderungswelle aus Mitteleuropa in den 70er Jahren zurückzuführen, die nicht nur ihre Küche, sondern auch Ihre Lebensart mit sich brachten und damit nicht nur Melbourne, sondern ganz Australien bereicherten. Melbourne stellt z.B. nach Athen die zweitgrößte griechische Population auf der Welt. Überhaupt ist Melbourne nicht nur multikulturell, sondern auch weltaufgeschlossen. Bestimmt gibt es auch hier „Parellelgesellschaften“, was man daran merkt, dass u.a. die Wasserrechnung in 5 verschiedenen Sprachen kommt, allerdings ist es keineswegs so wie in Deutschland. Jeder ist glücklich in Melbourne und in Australien zu leben, ein Stück „Australian Way of Life“ anzunehmen, aber auch seine eigene Identität mit einzubringen. Das merkt man nicht nur auf der Strasse, sondern zum Beispiel auch beim Gespräch mit dem Taxifahrer. Vielleicht ist es gerade wegen der vielen unterschiedlichen ethnischen Gruppen so schwer zu sagen „typisch Australisch“. Aber gerade diese Mischung hat etwas, weil jeder dem anderen gegenüber offen, freundlich und mit Respekt gegenübertritt!
Bevor ich zur La Trobe Uni komme, möchte ich noch kurz an den letzten Punkt anknüpfen, denn auch in Australien gibt es Schattenseiten. Diese sind u.a. die Flüchtlings-, bzw. Einwanderunsgpolitik sowie die wahren Australier, die Aborigines.
Während meines Aufenthaltes gab es mehrere Skandale, in denen Perminant Residents (Australier ohne australische Staatsbürgerschaft) bzw. eine Australierin philippinischen Urprungs in einem Auffanglager festgehalten wurden bzw. abgeschoben wurden. Neben diesen aktuellen Skandalen sitzen bzw. saßen immer mehr Menschen und auch Kinder mehrere Jahre in Auffanglagern, z.B. auf vorgelagerten Inseln mit mangelnder physischer und psychischer Betreuung. Schaut man bei menschenunwürdigen Verhältnissen meist in die Häuser anderer Nationen, übersieht leider auch Australien Probleme im eigenen Haus.
Zu diesen Problemen lässt sich auch das Verhältnis zu den Ureinwohnern Australiens zählen. Aborigines leben in einer wahren Paralellgesellschaft, werden auf den Strassen ignoriert und haben eine 20 Jahre (!!) kürzere Lebenserwartungen als ein nicht-indigineous Australier. Während es teilweise gute Initiativen gibt, sind leider zu viele Aborigines alkohol- bzw. drogenabhängig .Gut erinnere ich mich an zwei Jugendliche im Alter von ungefähr 14 Jahren, die in der Tram Spraydosen geschnüffelt haben.
Abgesehen von diesen Problemen sei auch kurz die „Stolen Generation“ erwähnt. Ab den 30er Jahren wurden Kinder von Weißen und Aborigines von ihren Eltern weggenommen und in Lagern europäisch erzogen um dann z.B. Dienstmädchen zu werden. Eine ganze Generation wurde aus ihrem Familienumfeld und ihrer Tradition gerissen und hat Probleme mit ihrer Vergangenheit und Geschichte als Aborigine zurecht zu kommen. Bis heute gibt es für dieses Vergehenkeine offizielleEntschuldigung im australischen Parlament.
Nun aber endlich zur Uni. Die La Trobe University hat Campi in ganz Victoria, der Hauptcampus befindet sich jedoch in Bundoora, etwas 16km außerhalb der City. Der Campus ist sehr groß und grün und im Mittelpunkt befindet sich die Agora, einer der Haupttreffpunkte. Hier befinden sich verschiedene kleine Läden, in denen man Essen und Kaffee zu günstigen Preisen in allen Variationen (Sushi, Pizza, Brötchen, Salat, Indisch, Fish&Chips,..) kaufen kann. Die Universität hat ca. 19.000 Studenten auf diesem Campus. Gegründet wurde sie erst 1974 und ist damit noch relativ jung, aber bereits international anerkannt. Im Gegensatz zur Berufsakademie, an der in 12 Wochen mit bis zu 35 Wochenstunden der Lernstoff fest vorgeschrieben ist, war hier das Maximum 12 Wochenstunden, bestehend aus 2h Vorlesung und 1h Tutorium je Fach. Mit Vor- und Nachbereitung sowie Assignments kam ich zwar auch auf die 30 Stunden, allerdings konnte ich es mir einteilen, wann ich etwas für die Uni tue. Gerade die eigenständige Erarbeitung des Stoffes hat meiner Meinung nach Vorteile gegenüber der Vermittlung an der Berufsakademie, aber dafür haben wir an der BA in 3 Jahren unseren Abschluss und 1 ½ Jahre Praxiserfahrung. Die Professoren und Dozenten waren sehr freundlich und waren auch außerhalb ihrer Sprechstunden für Fragen erreichbar. Dies stellte zwar für mich keinen Unterschied zur BA dar – was man der BA nur zu Gute rechnen kann – allerdings sind die Verhältnisse an deutschen Unis, wie ich von Freunden weiß, anders. Die Fächer waren allesamt sehr interessant, wobei der Schwerpunkt bei internationalen Themen fast immer auf Südostasien lag, wo Australiens Interessenschwerpunkte aufgrund der Geographie liegen.
Freizeitangebote gab es an der Universität „en masse“. Es gab viele Clubs, in denen man Sportarten ausüben konnte: Fußballclub, Ruderclub, Surfclub um nur einige zu nennen. Teilweise wurden Trips in die Umgebung von Melbourne angeboten bzw. sich wöchentlich getroffen um gemeinsam den Sport auszuüben. Im Mountaneeringclub, der u.a. Klettern, Wandern, Kayaken sowie Mountainbiking umfasste, haben wir uns z.B. immer Dienstags abends im Swimmingpool der Uni getroffen um Kayakpolo zu spielen. Man sitzt dabei in Kayaks und spielt mit einem Wasserball auf das jeweilige Tor der anderen Mannschaft. Neben Freundschaften, die ich in solchen Clubs geschlossen habe, kann ich nur sagen, haben auch die Aktivitäten jede Menge Spaß gemacht.
Von der Uni nun zu den Lebenskosten in Australien, die teilweise vergleichbar bzw. meiner Auffassung nach günstiger sind. Die Miete ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In Melbourne waren sie ein wenig teurer als in Deutschland, Sydney führt die Preise an, während Perth, Adelaide und Darwin zu den günstigeren Städten gehören.
Obst und Gemüse gibt es auf Märkten zu sehr günstigen Preisen (Kilo Bananen oder Tomaten 1€), Milch und Käse sind teurer bzw. auch selten. Feta- und Schafskäse gibt es fast überall, Camembert oder Schnittkäse muss man suchen und wenn man ihn findet, ist er teurer als in Deutschland.
Ein „Mangel“ in Australien, der auch des öfteren Gesprächsthema unter Deutschen war, ist deutsches Brot. Hier merkt man die englischen „Weißbroteinflüsse“. Zwar gibt es auch einige organic bakery’s die feste Brote, auch „Körnerbrote“(3 Körner auf der Kruste, 1 innendrin) anbieten, aber als Deutscher ist man nun mal verwöhnt und wird sich auf den ersten Besuch in einer Bäckerei nach der Rückkehr freuen. Kleiner Tipp: Wenn ihr nach Tasmanien fliegt um Urlaub zu machen, nehmt einen leeren Rucksack mit, in Hobart gibt es einen deutschen Bäcker, der Streusel und süße Sachen hat aber vor allem richtig gutes deutsches Brot. Keine Angst, wenn ihr ausflippt, vor euch waren schon genug andere weißbrotgeschädigten Backpacker, Studenten und andere Germanen in dieser Situation.
Während der Osterferien bzw. vor den Klausuren konnte ich auch die Zeit nutzen um ein wenig das Land zu erkunden und zusammenfassend kann ich nur sagen, dass man, egal wohin man fährt, wunderschöne Landschaften und Dinge sieht, daAustralien sehr kontrastreich ist. Am besten ist es dies selbst zu erleben, jeder Tag auf Reisen wäre einen eigenen Erfahrungsbericht wert.
Nachdem ich nun wieder in Deutschland bin und den Kulturschock der Rückkehr überwunden habe und mich einlebe, ordne ich langsam meine Erinnerungen und Eindrücke und versuche für Freunde und Verwandte diese kurz zu fassen bzw. auch den „Take-Away-Value“ zu beschreiben. Es ist schwer alles zu verarbeiten oder zu beschreiben.
5 Monate Australien hießen für mich, trotz vorherigem Aufenthalts, mich und eine andere Kultur neu zu entdecken, Freundschaften fürs Leben zu schließen, gute und schlechte Erfahrungen zu sammeln, selbstständiger, offener und aufgeschlossener zu werden, neue Dinge auszuprobieren, Einblick in ein anderes Studiensystem zu bekommen, in Englisch zu studieren, ein zweites zu Hause zu haben, aber auch danach Deutschland neu zu entdecken.
Vieles hier ist nicht so schlecht, wie viele vielleicht denken. Viele Dinge möchte ich nicht missen (seien sie so „selbstverständlich“ wie Zentralheizung, Hausisolierung und gutes Brot, aber auch mitten in Europa in der Nähe von vielen verschiedenen Kulturen zu sein) und viele Dinge versuche ich aus Australien mitzunehmen und im Alltag zu leben. Ein wenig mehr an Unbeschwertheit, Offenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Australier könnte auch uns sicherlich nicht schaden. Egal wen man anspricht, alle sind hilfsbereit, auch wenn sie nicht direkt helfen können, haben ein Lächeln auf dem Gesicht und nehmen sich Zeit. Zwar mag ich die Charakterisierung der Australier als „easy going“ und „no worries“- nicht wirklich (wir Deutsche essen ja auch nicht alle Weißwurst und trinken Weißbier), aber sie trifft irgendwo zu. Wir regen uns über viele unwichtige Dinge auf und nehmen uns manchmal viel zu Ernst. An dieser Stelle fällt mir auch der schwarze Humor der Australier ein, der für manchen gewöhnungsbedürftig sein kann, aber wunderschön ist. Als Abschluss des Berichtes mein erstes Erlebnis in Deutschland, vielleicht auch als Anregung. Ich habe mich im Flugzeug mit einer Mitreisenden in meinem Alter unterhalten, die 12 Monate auf Working-Holiday-Visa in Australien war. Noch im Englischen „behaftet“ sagte sie zum Zollbeamten bei der Passkontrolle „Good Morning“. Dessen freundliche Begrüßung: „Hören sie mal zu, jetzt wo sie wieder in Deutschland sind, können sie auch wieder deutsch reden!“. Welcome to Germany ;-) !