Give it a go!
Am 10. Juli 2005 begann für mich frischgebackene Abiturientin ein neuer Lebensabschnitt: ein Studium auf der anderen Seite unserer Welt, in Australien. Pünktlich einen Tag vor Beginn der Orientation Week landete ich in Melbourne. Der 20stündige Flug ist erträglich, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass die Menschen vor 150 Jahren vier Monate auf einem Schiff unterwegs waren.
Obwohl es drei Uhr morgens war, erwartete mich der Airport Pickup Service, ein kostenloser Transport zur eigenen Unterkunft, den ich von Deutschland aus bei meiner Universität bestellen konnte. Hierbei traf ich auf eine anderer Deutsche, die zufällig im selben Gästehaus gebucht hatte und wie ich an der La Trobe University studieren wollte.
Praktischerweise erledigten wir die ersten Wege an der Uni zusammen und so war alles nur noch halb so groß. Zuerst habe ich mich beim International Office angemeldet, in dem schon eine lange Schlange junger Leute aus allen möglichen Ländern wartete. Bei der Anmeldung erhält man einen Predeparture Guide, Studieninfos der jeweiligen Fakultät sowie Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel.
Da ich erst vier Tage vor Abflug meine Einschreibebestätigung erhielt, musste ich in Melbourne mein Touristenvisum in ein Studentenvisum umändern lassen, was allerdings schnell und komplikationslos ablief. Dazu habe ich mir das entsprechende Anmeldeformular ausgedruckt, ausgefüllt und im Immigration Office –natürlich gegen Bezahlung- abgegeben. Eine Woche später wurde mir per Email mitgeteilt, dass ich es abholen könne.
Der wichtigste Gegenstand in den ersten Tagen wurde für mich der Campusplan, denn das Gelände der Universität ist sehr weitläufig. Überhaupt bin ich vom Campus begeistert: Das Zentrum ist wie ein Atrium gestaltet, es gibt Geschäfte, viele Cafes und eine Campusbar. An die Gebäude schließen sich große Rasenflächen an, die schön bepflanzt sind und Springbrunnen haben. Ein kleiner Fluss belebt das Gelände und die Bäume erinnern an ein Tropenhaus. Was ich in den ersten Tagen sehr auffällig fand, waren die vielen neuartigen Geräusche der Vögel, die genauso merkwürdig klingen wie einige Tiere hier aussehen. Sogar Kakadus und andere bunte Papageie leben auf dem Campus. Am tollsten aber sind die wildlebenden Kängurus, die hier herumhüpfen.
Eine dringende Aufgabe war das Suchen einer festen Unterkunft. Es herrscht zum Glück kein Mangel an Wohngelegenheiten, was die Menge Anzeigen an jeder Campusecke bezeugen; man muss nur das finden, was zu einem selbst und natürlich dem Wohnetat passt. Ich bin allerdings erst mal zum Accommodation Officer gegangen und konnte mir am nächsten Tag auch schon eine WG anschauen, die mir jedoch nicht zusagte. Jetzt wohne ich im College, und es gefällt mir hier gut –abgesehen von der gelegentlichen Lautstärke. Ich kann nur raten, sich nach freien Plätzen in Colleges zu erkundigen, auch wenn überall geschrieben steht, dass alles restlos ausgebucht sei. Das stimmt nicht, in jedem der drei Studentenwohnheime auf dem Campus gab es noch freie Plätze.
Mein College, das Glenn College, bietet Frühstück und Abendbrot an, was zeitsparend ist und mir die Erfahrung schenkt, in einem Speisesaal ähnlich dem des Hogwartschlosses aus dem „Harry Potter“ -Film zu sitzen. Entgegen meiner Befürchtungen schmeckt das Essen. Allerdings trifft diese Tatsache nicht auf die vielen Konditoreien in Melbourne zu, auch wenn sie sich „European cakes“ nennen.
Die La Trobe University befindet sich ca. 15km vom Stadtzentrum, und die Vorstadt entspricht Bildern, die man aus dem Fernsehen von Amerika kennt. Dreispurige Straßen, fast nur Einfamilienhäuser, und natürlich große Einkaufszentren, die bis Mitternacht und auch am Wochenende geöffnet haben. Zudem sind die meisten Lebensmittel sehr günstig. An den Linksverkehr gewöhnt man sich schnell und selbst die Australier vertun sich mal mit der Straßenseite.
Noch ein paar Stichpunkte zur Orientation Week: man sollte unbedingt an den Shoppingtouren teilnehmen, um einen Überblick zu bekommen, was man wo kaufen kann. Hauptziel dieser Veranstaltung jedoch ist die Kontaktaufnahme zu anderen Stundenten, doch wer wie ich an Australier dachte, wird enttäuscht. Überrascht hat mich die Zahl deutscher Studenten, wie waren bestimmt zu zehnt.
Die anderthalb Wochen bis zu Beginn des eigentlichen Studiums verbrachte ich als Tourist. Melbourne ist eine wunderschöne Stadt. Es gibt Wolkenkratzer, Gebäude im viktorianischen und futuristischen Stil ebenso wie das Parliament of Victoria, das wie ein antiker Tempel aussieht. Die Stadt ist sehr grün und trotz der winterlich-„frostigen“ Temperaturen von 15°C blühen Blumen. Die Australier begegnen dieser Kälte entweder mit Mütze und Handschuhen oder in Sandalen und T-Shirts.
Melbourne ist besonders nachts beeindruckend, wenn sich die bunten Lichter der Restaurants und Cafes im Yarra River spiegeln. Natürlich war ich auch an den Stränden, doch nach meinem Besuch im Melbourner Aquarium bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich ins Wasser will.
Kontakt zu Leuten zu bekommen ist sehr leicht, wenn man sich überwindet, auf andere zuzugehen. Besonders durch das College lernt man viele Leute kennen, denn auch die Wohnheime organisieren ihre eigene Orientation Week. Dabei erlebte ich auch meine erste Bar-Hopping-Tour, bei dem alle dreihundert Leute aus dem College drei verschiedene Bars an einem Abend besucht haben.
Die Australier sind recht gesprächig. Zum Beispiel unterhält man sich im Supermarkt ständig mit der Kassiererin. Und so kam es auch, dass eine Freundin und ich von einem ehemaligen Vice-Chancellor unserer Uni eine Kirchenführung bekamen.
Das Studium finde ich bis jetzt in Ordnung. Fast alle Studenten belegen vier Fächer zu einem bestimmten Studiengang. Die Anzahl der Vorlesungen und Seminare hängt jedoch vom gewählten Fachbereich ab; ich als Wirtschaftsstudentin habe mit 14 Stunden eine sehr niedrige Stundenzahl im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Fächern. Viel Zeit nimmt das Lesen in Anspruch, und für die Tutorials (Seminare) muss man Hausaufgaben machen. In den tutes werden nicht nur Fragen besprochen, sondern auch Tests geschrieben.
Was mich äußerst erstaunt, ist die große Zahl asiatischer und indischer Stundenten, die mindestens drei Viertel aller Leute in meinen tutes und die Hälfte aller Studenten in den Vorlesungen ausmachen. Wahrscheinlich liegt das aber nur daran, dass ich im australischen zweiten Semester anfange. Was ich toll und motivierend finde, ist die Begeisterung der Professoren für ihr Fach. Übrigens gibt es hier viele weibliche Professoren; ich habe nur bei einem Professor Unterricht. Verständnisschwierigkeiten habe ich kaum, ich verstehe fast alles in den Vorlesungen mit meinem Schulenglisch. Wer erwartet, dass die Australier so ein erfrischendes Englisch wie Eddie Irwin, der Crocodile Hunter, sprechen, wird leider enttäuscht. Es ist eher ein angenehmer Mix aus British und American English. Interessanterweise tun sich die Australier schwer damit, meinen Namen richtig auszusprechen. Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass ich nicht nur Maika, sondern auch Mika heiße.
Apropos Sprechen: Telefonieren ist hier sehr günstig, für eine $10 Telefonkarte kann man 500 Minuten nach Deutschland anrufen.
Ich möchte mit diesem Bericht insbesondere Abiturienten zu einem Studium in Australien ermutigen, die noch kein Studium in Deutschland begonnen haben. Zwar kommt man sich zunächst etwas verloren vor, wenn man seiner Familie und der Heimat für ein halbes Jahr (bis zu den Semesterferien!) Tschüss sagt, aber glücklicherweise gewöhnt man sich recht schnell an die neue Situation. Schon nach einer Woche empfand ich den Tagesablauf als normal, und für mich ist es ein unglaublich schönes Gefühl, in einer Weltstadt direkt am Pazifischen Ozean zu leben.
Wenn es mir weiterhin so gut gefällt, werde ich hier voraussichtlich meinen Bachelorabschluss machen. Aber bis dahin ist es ja glücklicherweise noch eine lange Zeit.