Luck is when opportunity knocks and you answer
1. Organisation meines Auslandsstudiums und Tipps für andere Studenten
2. Study Abroad im Studiengang »Design« an der Griffith University, Brisbane , Australien (Queensland)
3. Persönliche Weiterentwicklung
1. Organisation meines Auslandsstudiums und Tipps für andere Studenten
“Du wolltest doch schon immer im Ausland studieren“, meine Freundin ruft vom anderen Ende Deutschlands an, um sich zum wiederholten Male zu erkundigen wie es mir geht. Nach einem schweren Trauerfall in meiner Familie und der Bekanntgabe der Scheidung meiner Eltern habe ich mich gerade wieder soweit erholt, dass ich Kraft habe, mich für mein anstehendes Praktikum zu bewerben, doch welch’ Idee unterbreitet Sie mir?
Die beste meines Lebens! Sie hatte sich für einen Masterstudiengang an einer Partnerhochschule beworben und da wir uns in der Ausbildung kennen gelernt haben, sah sie eine Möglichkeit sich nach langer Zeit wieder zu sehen. Sie informierte mich, dass ich nur noch eine Woche Zeit hätte, um mich bei den australischen Universitäten zu bewerben und - da ich finanziell bereits seit langem vom Bafögamt unterstützt werde - könnte ich mich doch auch um ein Stipendium des DAAD bemühen. Hatte ich doch zwischenzeitlich erfolglos versucht, die ausländischen Kontakte der Hochschule Wismar, der Professoren oder des Auslandsamtes zu nutzen, die in meinem Bereich allerdings sehr dürftig waren, bedeutete dieses radikale Eigenrecherche. Schließlich war ich bereits im 6sten Semester bei normalerweise 8 Semestern Regelstudienzeit. Australien! Seit einiger Zeit verfolgte ich bereits den Werdegang dreier Studenten meines Studienganges, alles was ich wusste, war das Sie allesamt höchst zufrieden auf hohem Niveau ihre Ausbildung dort unten fortsetzen. Seit März sog ich zusätzlich alle Insiderinformationen auf die ich aus zwei Newsletter aus Australien und Neuseeland erhielt (bei Interesse Email an info@australien-news.com), da beide Länder schon immer ein Traum von mir gewesen sind. Australien, man kann ja mal gucken! Das erste was ich tat, war eine alte Notiz aus einem Gespräch mit einer der momentan dort Studierenden zu suchen, sie enthielt die beiden hilfreichen Adressen von GOstralia und des Ranke-Heinemann Instituts. Im Vergleich erschien mir das Institut Ranke-Heinemann - die Vertretung des Australischen Hochschulverbundes IDP Education Australia und
die Vertretung aller neuseeländischen Universitäten in Deutschland und Österreich - seriöser und bessere Referenzen zu haben. Ich informierte mich ausgehend von der Datenbank des Institutes über das Angebot und den Standort der Hochschulen und fragte einen weiteren Studenten des benachbarten Studienganges nach seinen persönlichen Eindrücken. Diese Mischung aus grundlegender Information der Datenbanken, Recherche auf den jeweiligen Seiten der Hochschulen (erwies sich leider bezüglich der Inhalte oft als schwierig), Recherche in den Erfahrungen anderer mit Hilfe der Foren des Institutes, nächtlichen Telefonanrufen aufgrund der Zeitknappheit (8Std. Zeitverschiebung nicht zu vergessen), und persönlichen Gesprächen mit bereits Vorortgewesenen half mir innerhalb von kürzester Zeit zu der engen Auswahl zweier Schulen - die University of the Sunshine Coast und die Griffith University (neben der Swinburne University in Melbourne die beste in meinem Studiengebiet). Beide boten die Möglichkeit zusätzlich zum Studium einen begleitenden Praktikumsanteil in einem Betrieb zu absolvieren, so würde ich keine Zeit verlieren und sogar noch einen weiteren Aspekt vor Ort - das reale Arbeiten - kennen lernen können. Da Praktika in Australien eher ungewöhnlich, wenn dann nur unbezahlt und äußerst schwer aus dem Ausland zu finden sind, bewarb mich also für ein „Study abroad with internship“ an beiden Universitäten.
Ich kann niemandem empfehlen die Organisation eines Auslandsaufenthaltes mit einem so knappen Zeitrahmen zu starten, aber jedem versichern, dass es mit ein bisschen Bemühen um die richtigen Unterlagen trotzdem möglich ist! Aufgrund der Zeitknappheit musste ich meine Auswahl wegen der Erforderlichkeit von Toefl oder anderen Sprachzertifikaten auf Universitäten beschränken, die den DAAD-Test erfordern. Zudem forderte die University of the Sunshine Coast Englisch-Abiturnoten von mindestens 8 Punkten, die ich mit meinen 7 Punkten leider knapp nicht erfüllte. Da ich aber seit Verlassen der Oberstufe mein Englisch sowohl in der Ausbildung wie auch in der Hochschule intensiviert habe, legte ich der Bewerbung Kopien meiner Noten aus der Zwischenzeit und eine Referenz meiner Englischprofessorin bei - sie nahm auch den DAAD-Test mit mir ab, schließlich war ich ihr bereits gut bekannt. Bei der Vervollständigung der Unterlagen half mir eine sehr kompetente Mitarbeiterin des Institutes mit all meinen aufgeregten Fragen. Am meisten machte es mir Probleme meinen noch deutschen Lebenslauf auf eine englische CV (Curriculum Vitae) umzustellen und einen aussagekräftigen englischen LoM (Letter of Motivation) zu schreiben - schließlich war mein oberstes Ziel neben der intensiven Studienerfahrung in einem anderem Land und der berufsqualifizierenden Aspekte anderer Studienschwerpunkte die englischen Sprachkenntnisse zu verbessern. Mit Hilfe meiner Freundin, die ja schließlich denselben Prozess bereits durchlief, meisterte ich es allerdings mittels Emailaustausch beidem einen guten Ausdruck zu geben. Da ich aufgrund meiner jahrelangen Tätigkeit für die Hochschule Wismar sowohl aus studentische Hilfskraft sowie auch als politisch engagiertes Fachbereichsratsmitglied einen guten Kontakt zu unseren Professoren und dem Sekretariat pflege, war es sogar aufgrund der Abwesenheit der Fachbereichsdekanin möglich ein detailliertes Empfehlungsschreiben und die Bestätigung über die wahrscheinliche Anerkennung der australischen Studienleistungen zu erhalten. Ersteres habe ich nach der Versendung der komplett im Original doppelten Bewerbung noch selbst für die Hochschulen übersetzt. Die Übersetzung des Vordiplomschreibens wurde zwar übernommen, aber die Auflistung aller bis dahin abgelegten Kurse brachte die Schwierigkeit mit sich, das unsere Hochschule leider keine in englisch Übersetzung bereitstellt. So musste ich mir hierfür eine qualifizierte Übersetzerin suchen, die auch befugt ist, die Korrektheit der Daten zu bestätigen. Jedes Dokument brauchte einen Bestätigungsstempel auf Echtheit. Was für ein Gerenne! Aber am Ende der Woche war alles fristgerecht zum Ende des März auf dem Weg zum Institut, die netten Damen dort würden die weiteren Schritte kostenfrei übernehmen. Welch eine Erleichterung, schließlich kannten sie bereits ihre Ansprechpartner und das genaue Prozedere.
Am 5. April erhielt ich die Information, dass die Unterlagen vollständig angekommen und bereits weitergeleitet sind, zudem wäre mit einer Bearbeitungsfrist der Unis von ungefähr 6-8 Wochen zu rechnen. Zeitgleich vervollständigte ich meine Bewerbung für den DAAD, glücklicherweise konnte ich einige der Unterlagen auch gleich hierfür verwenden. Danach hieß es warten, warten, warten. Und da ich mich nicht auf diese Chance verlassen wollte, intensivierte ich auch zeitgleich meinen Plan b, ein Praktikum in den Niederlanden zu absolvieren, schließlich ist es das letzte Muss meiner Studienzeit, wenn ich die letzten Projekte und Wahlpflichtkurse absolviert habe.
Am 27. April kam dann mit einem Tag Abstand die Zulassung von beiden Unis. Welche Erleichterung, konnte ich mich doch nun entscheiden und so fiel meine Wahl auf die von vornherein aufgrund größerer Angebotsvielfalt, qualifizierter Lehrkräfte in allen Fachbereichen und längerer Tradition präferierte Griffith University. In Mitten des Herzen von Brisbane, einer 2 Millionen Stadt an der Ostküste, erschien mir das belebte Klima einer modernen Großstadt eine gute Inspiration zu sein und die beste Vorraussetzung das australische Leben kennen zu lernen. Erst wenn man die CoE (Confirmation of Enrolment) - die Bestätigung, dass man für den jeweiligen Zeitraum eingeschrieben ist - seiner Wunschhochschule erhält, kann man ein Visum beantragen. Dies bedeutete, die Studiengebühren, die auch einen Gebührenanteil für die OSHC (Oversea Health Cover - eine australische Basispflichtkrankenversicherung) enthalten, in der enormen Summe von rund 5.100 Euro schnellstmöglich zu überweisen. Das hierfür geliehene Geld hoffte ich - zumindest anteilig - entweder vom zuständigen Bafögamt in Marburg oder mit Hilfe eines Daad-Stipendiums zurückzahlen zu können. Allerdings waren beide Anträge erst auf dem Weg! Aber ohne ein Risiko würde sich mein Traum nicht erfüllen können. Am 2.Juni erhielt ich dann bereits die CoE, ohne die ich keinen Flug gebucht hätte. Für diesen holte ich mir dann 3 Angebote ein, da ich dem Bafögamt beweisen musste, dass ich den günstigsten Flug nehmen werde. Explorer Fernreisen (040-3097900), Fairlines (040-441456) oder STA Travel (069-74303292 mit Niederlassung in HH) kamen in Frage und boten mir Flüge ab 1.111,- € aufwärts an. Mein Abflug sollte schließlich kurz vor der am 17. Juli beginnenden Orientation Week sein, eine Woche zum Kennen lernen der Studienbedingungen, voller Seminare zum „Mitschreiben“ lernen und Einleben. Am 15. Juni erreichte der Brief der OSHC mich, mit dem ich dann auch mein Visum beantragen konnte - ohne OSHC kein Visum für Studenten und dieses war nötig bei einem Aufenthalt von mehr als drei Monaten. Es würde gute 150 Euro kosten und als digitale Mail versandt ausgedruckt bei der Einreise vorgezeigt werden. Die Bearbeitungszeit wird bei Schülern und Studenten so kurz wie möglich gehalten und die Dauer auf die Studienzeit plus einen Monat ausgestellt.
Währendessen ich auf mein Visum wartete, erhielt ich vom DAAD die Mitteilung, dass ich ein Kandidat der Warteliste sei, sollte jemand anderes sein Stipendium nicht annehmen (können), würde ich wieder informiert werden. Diese Spannung musste ich wohl aushalten, wusste ich doch nicht einmal wie viele Wartekandidaten es noch gab oder was ich machen würde, wenn es nicht funktioniert. Doch glücklicherweise erreichte mich kurz vor Abflug noch die Bestätigung, dass ich per Nachrutschverfahren ausgewählt worden sei. Dieser Brief kam am 12. Juli, so auch die Email mit der Visumsbestätigung, am 15. sendete ich vor meinem Abflug am Abend die letzten Unterlagen zum Bafögamt nach Marburg. Meine Annahmeerklärung und die Bestätigung der Hochschule, dass es kein Abkommen gibt oder warum man nicht in Frage gekommen wäre, würde ich bereits aus dem Ausland via Vorabscan per Mail und per Original - wenn ich eine feste Adresse hätte - versenden. Der DAAD sprach mir vorerst wartend auf Zahlungen des Bafögamtes 256 ,- € zu, ein Auslandsversicherungspaket wurde netterweise zusätzlich komplett übernommen.
Die Zeit in den letzten Wochen überschlug sich, Prüfungen wollten natürlich auch noch gemacht werden, die Wohnungsweitergabe an eine Zwischenmieterin, Vertragsklärungen, Familien- und Freundesabschiede standen an. Ohne meinen so hilfreichen Freund und meine Mutter hätte ich wohl den Kopf verloren, alle waren sehr verständnisvoll. Sie unterstützten sehr, dass ich zum ersten Mal für länger ins Ausland gehen werde.
Überhaupt kann ich nur jedem raten so früh wie möglich Augen und Ohren offen zu halten, um im Bedarfsfalle die richtigen Kontakte, Ansprechpartner und gegebenenfalls auch Sprachen parat zu haben und auf sich auf jeden Fall kurz mit der in Frage kommenden Hochschule in Verbindung zu setzen, um die Studienmöglichkeiten auszuloten. Auch die Finanzierung ist nicht zu unterschätzen. Hatte ich doch - noch ohne genau zu wissen wofür - eine helfende Summe für Träume dieser Art angespart, brauchte ich am Anfang doch starke finanzielle Unterstützung von Bekannten, da alles vorfinanziert werden musste.
Nach dem langen Flug endlich in Brisbane angekommen (und rund 50 Stunden unterwegs), fehlten leider nur noch meine Koffer zum Glück. Ich hatte mich zu Hause für eine Woche im Central Hostel in der Innenstadt Brisbanes angemeldet, sollte ich früher eine Bleibe finden, würde man mir das Geld zurückzahlen. So habe ich dann noch schnell etwas Frisches zum Anziehen gekauft, da meine erste Einführungsveranstaltung bereits am ersten Tag war. Wachzubleiben war zwar die ideale Vorraussetzung gegen einen Jetlag, aber am Nachmittag konnte ich mich dann kaum noch auf den Beinen halten. Nach diesem Marathon-Pflichtmontag, boten sich täglich allgemeine Einführungskurse an, mein Department hatte allerdings nichts Spezielles zu bieten. Nachdem mein Koffer am nächsten Tag ankam, hatte ich genügend Zeit mich auf die Wohnungssuche zu begeben - welches am Tag des Semesteranfangs schwierig sein sollte. Ich klapperte alle Aushänge ab und rief in Frage kommende Möglichkeiten an. Unter +61419674242, der Vermieter heißt Hoeg in der Roger Street findet man immer was, allerdings kosten diese fully-furnished WG-artigen Zimmer auch immer 160 AUD pro Woche. Zum Glück hatte ich den guten Tipp bekommen, auf den Wohnungssuchserviceseiten der UQ (University of Queensland) nachzusehen. Der UQ Accomodationserver spuckte auch tatsächlich eine Adresse in meinem Wunschstadtteil Westend aus (unter www.ourbrisbane.com kann man sich ausführliche Informationen über die Stadtteile einholen). 110 AUD warm wöchentlich in einem Zimmer mit Queensize-Bett (1,40 m breit) in einem australischen Familienhaus hörte sich gut an und so wurde ich abends netterweise zum Kennen lernen vom Hostel zum Essen abgeholt. Die Chemie stimmte, das Zimmer auch, so fand ich mich am nächsten Tag in einer vierköpfigen Familie mit zwei Mädchen im Alter von 12 und 14, die die halbe Woche lang mit im Haus lebten, wieder. Zu meiner großen Freude bot man mir auch noch ein Fahrrad zur Benutzung an, mit dem ich in den folgenden Monaten jede auch nur erdenkliche Strecke in dem mancherorts San Fransisco ähnelndem Ort. 20 Minuten zu Fuß zur Hochschule, 5 Minuten mit dem Rad, eine Internetflatrate zu Hause um z.B. via Skype Kontakt nach Hause und zu meinem Freund halten zu können und sehr liebe Mitbewohner mit denen ich viele anregende Diskussionen über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die australischen Gaumenfreuden auf vegetarisch teilen und mein Englisch schleifen konnte, alles in allem ideal. Mit Owen, Kelly, Svea und Zena stehe ich noch heute im Kontakt! Vielen Dank an sie, die mich in anstrengenden Stunden mit rauchendem Kopf aushielten und mir manchmal sehr hilfreich im Übersetzen meiner englischen Konzepte geholfen haben.
In meiner Freizeit versuchte ich meine sportlichen Aktivitäten aus Deutschland weiter auszubauen, so nahm ich rege am Segelangebot der Hochschulen teil, wo ich schnell neue Freunde fand. Da ich mich darüber hinaus für die Kultur der Aborigines interessierte, erhielt ich von Freunden den Tipp das Aboriginal Cultural Center in Inala aufzusuchen. Hier verbrachte ich insgesamt fünf intensive Nachmittage und Abende und durfte auf unterschiedlichen Veranstaltungen jenseits der Touristenströme in diese faszinierende Kultur eintauchen. Obwohl es keine öffentliche Einrichtung ist, ist Bary, der Manager des Centers, ernsthaft interessierten Menschen gegenüber immer bereit das Center zu öffnen. Bei allen Menschen die mir während meines Aufenthaltes besonderes ermöglicht haben, habe ich mich stets mit einer CD selbstgeschossener Fotos bedankt.
2. Study Abroad im Studiengang Design an der Griffith University, Brisbane , Australien (Queensland)
Als zweitgrößte Universität Brisbanes hat die Griffith University einen separaten Standort - das Queensland College of Art, welches aus den Bereichen Design, Animation, Arts und Photography besteht. Alle Studiengänge werden im Bachelor- und Masterverfahren angeboten, welches bedingt durch den Projektaufbau im Masterbereich die einmalige Möglichkeit gibt, z.B. einen Bachelor in Design und einen Master in Photography zu machen. Das Kurssystem enthält wie in Deutschland auch bestimmte Pflichtmodule, so genannte „compulsaries“ und freiwillige Wunschkombinationen („electives“). Hierbei ist es den einheimischen Studenten nicht so einfach möglich aus Bereichen des benachbarten Faches zu wählen, die Wahl muss grundsätzlich mit dem zuständigen Fachbereichsleiter abgesprochen werden. Bei der Wahl meiner Fächer habe ich mich fachbereichsübergreifend zu Fächer entschlossen, dessen Inhalte entweder meinen Studienschwerpunkt vertiefen oder in dieser Form in meiner Heimatuni nicht angeboten werden. Allerdings musste ich vor Ort von meiner ersten Wahl Abstand nehmen, da man mich zwar in die gewünschten Kurse eingeschrieben hatte, aber nicht gemerkt hat, dass sich zwei zeitlich überschneiden. An einem weiteren kulturinhaltich geprägten Kurs konnte ich leider nicht teilnehmen, da die Anzahl der Bewerbungen an der QCA so gering ausfielen, dass er nur an der Gold Coast angeboten wurde. Diese ist allerdings räumlich derart entfernt, dass ich es zu einem weiteren meiner Kurse zeitlich nicht geschafft hätte. So verbrachte ich in den ersten Wochen also verstärkt Zeit damit, aus den Kursen weitere in Frage kommende herauszufinden. Hierbei half das Gespräch mit den zuständigen Professoren außerordentlich, da sie mir auf meine Wünsche hin zu- oder abraten konnten und ich den hochinteressanten Kurs „Colour in Context“ des Bereiches Art ansonsten nicht gefunden hätte. In diesem lebte ich später z.B. in Form einer Studie zu den „Heritage Colour Codes“ in der Architektur des Stadtteiles Westend mein kultur-geschichtliches Interesse aus. Ich adaptierte die Farbcodes des geschichtlichen Hintergrundes auf ein zu erstellendes Corporate Design für einen Carpender, der ausschließlich mit recyceltem Holz dieser Region arbeitete.
Da meine Bemühungen um ein Praktikum in den Niederlanden erfolgreich waren und ich im März für ein halbes Jahr in der weltweit hochangesehenen Kreativagentur BBDO in Amsterdam in der Grafik-Design-Abteilung beginnen sollte, wollte ich mit dem Studienaufenthalt in Australien sowohl im Englischen sicher werden wie auch eine zusätzliche berufliche Qualifikation erreichen. Diese Möglichkeit bot sich mir in der Wahl des Kurses „Digital Animation Techniques“, der in dieser Art nicht an meiner Heimathochschule angeboten wird. Anspruchsvolle Storyboardgestaltung und Ausführung in den speziellen Computerprogrammen würden mich ideal für eine zukünftige Zusammenarbeit mit Animateuren vorbereiten.
Für den vorab gewählten Wunschkurs „Experimental Photo Techniques“ musste ich mich mit im Vordiplom erworbenem Basiswissen qualifizieren. Da er auf photochemischen Prozessen mit Hilfe des Sonnenlichtes basiert, dehnte sich der zeitliche Einsatz dieses Kurses besonders zum Ende auf jede zu erhaschende Sekunde Sonnenlicht aus und förderte die Gruppenarbeit ungemein. In ihm baute ich die intensivsten Beziehungen zu meinen Mitstudenten auf. Auch das Ergebnis war eines der besten, dreimal 10 und einmal 9 Punkte entlocktem meinem Lecturer ein „Superb“! Mit den entstandenen Werken plane ich im Moment eine Ausstellung.
Mein Hauptaugenmerk lag während des Studiums auf einem bereits vorabgewählten Kurs. „Communication Design 3“ verlangte mit einer doppelten Credit Pointanzahl von 20 enormen zeitlichen Einsatz für die unterschiedlich gewichteten vier Projekte dieses Faches. Obwohl die Credits für meine Anrechnung zu Hause nicht von Belang sind, geben Sie doch eine Leistungsorientierung und einen Zeitrahmen vor. Dieser Kurs entsprach perfekt ergänzend meinem Studienschwerpunkt Kommunikationsdesign, hier konnte ich mit intensiver Recherche von meinen bereits in Deutschland erworbenen Kenntnissen profitieren. Mit Präsentationsstärke, Konzepttiefe und Einfühlungsvermögen wurde so im Anschluss an das Semester sogar eines meiner Projekte, an dem 45 Studenten in Konkurrenz teilgenommen haben, in die Tat umgesetzt. Zusätzlich erhielt ich als Abschluss dieses Kurses einen Letter of Recommendation, da mein Notendurchschnitt bei fast 100 % Leistung lag. Der Lecturer dieses Kurses war auch kein Professor, mit seiner äußerst konstruktiven Arbeitsweise und seinem Arbeitsalltag in internationalen Agenturen als Background allerdings ideal.
Assessments mit unterschiedlicher prozentueller Gewichtung der einzelnen Arbeitsschritte, Zwischenbeurteilungen der Professoren UND der Studenten empfand ich zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig. Vergleichend mit dem deutschen Studium fiel mir die schnelle Arbeitsweise auf, im Positiven sorgte sie für einen besseren Vergleich mit den Bedingungen der realen Arbeitswelt, nachteilig empfand ich und die anderen Studenten den Zwang zur Oberflächlichkeit aufgrund der Assessmentdichte von bis zu vier in einem Semester. Zudem wurde in allen Fächern großer Wert auf die gemeinsame Präsentation gelegt, was ein verspätetes Abgeben, wie es an meiner Heimatuni möglich ist, zur Blamage macht. Sehr positiv fiel mir die studentische Bewertung der Studenten an der jeweiligen Fachkraft auf, dieses Bewertungsverfahren wird wahrscheinlich auch gerade wegen der auch für australische Studenten recht hohen Studiengebühren am Ende jedes Semesterabschnitts durchgeführt. Zudem sind die betreuenden Lehrkräfte sehr hilfreich - auch im persönlichen Gespräch - auf uns ausländische Studenten eingegangen, aber auch in der für Konsultationen vorgesehenen Zeit wurde progressiv unter in Bezugnahme der anwesenden Studenten diskutiert. Die gegenseitige Kritik floß sogar anteilig in die Bewertung ein - davon kann man in Deutschland gerne noch etwas lernen.
Anstelle von Einführungskursen mit Themen wie „Erfolgreiches Mitschreiben“ hätte ich mir vor Ort gerne mehr Hilfe zum Zeitmanagement gewünscht. Da man als deutscher Student natürlich erst einmal alles gleich gut schaffen und möglichst viel mitnehmen möchte, setzt man sich gern zu sehr unter Druck mit Dingen, die in der Bewertung nur einen geringen Anteil ausmachen. Nach meiner Erfahrung empfehle ich jedem zwei Semester im Ausland zu absolvieren. Alle persönlichen Investitionen in das Kennenlernen der Studienbedingungen und das soziale Umfeld entwickeln sich erst im ersten Semester, auch kann man die Qualität des Lehrangebotes erst nach einem Semester wirklich übersehen und den Bedarf für sich persönlich einschätzen. Als kleiner Wehrmutstropfen ist in diesem Zusammenhang auch die Angliederung eines fachbezogenen Praktikums auf der Strecke geblieben, da dieses in der universitätsansässigen Agentur stattfinden sollte, nach Leistung der Studenten aber erst nach der Hälfte des Semesters entschieden wurde, ob man ins Praktikum gehen dürfte. Es hätte einen zeitlichen Umfang gehabt, der ein Nicht-Bestehen der anderen Kurse zur Folge gehabt hätte, da die vorgesehenen Tage u.a. mit den Kursen des anderen Fachbereiches abgedeckt waren. Auf einen Hinweis in diesem Zusammenhang hätte ich mich im Vorherein sehr gefreut. Da ich allerdings zwei Zusagen für Praktia in den Niederlanden erhalten hatte, konzentrierte ich mich lieber auf die mir angebotenen Studieninhalte und führte alles zu meinem Bestmöglichen aus. In der Zeit des Praktikums werde ich nun die Prüfungen der australischen Hochschule noch einmal abnehmen lassen müssen. Da dieses erst in der nächsten Prüfungsperiode sein wird, kann ich noch keine abschließenden Ergebnisse mitteilen. Allerdings habe ich mich bereits vor dem Auslandssemester bei den in Frage kommenden Professoren diesbezüglich versichert. Das ich mir anstelle der Mindestpflicht von 30 Punkten 50 aufgebürdet habe, lag an meinem persönlich großen Interesse am Angebot, wurde allerdings aufgrund des Arbeitsumfangs oft als wahnsinnig abgetan. Ich kann allerdings nur sagen, das jedes einzelne Fach mir persönlich und fachlich entscheidend weitergeholfen hat und es sogar mehrmals zur produktiven Nutzung des im anderen Fach Erfahrenen kam.
Zum Schluss möchte ich noch auf zwei Hilfsmittel meiner australischen Hochschule hinweisen, die den Ablauf sehr erleichtert haben. Zum einen gibt es in der Griffith für jedes Fach eine „Course Outline“, die äußerst transparent die Inhalte, das Assessment- und Benotungssystem und die nötigen Zusatzinformationen wie die Kontaktdaten des Professors bekannt gibt. Leider erhält man diese Informationen erst wenn man für den jeweiligen Kurs bereits eingeschrieben ist, doch diese helfen ungemein als Semesterstudienleitfaden. Zum zweiten bekommt man als Student der Griffith nicht nur eine Student Email, mit Hilfe der man von seinen Professoren oder der Verwaltung angeschrieben wird, man erhält auch Zugang zu einem persönlich eingerichteten Portal, welches alle Informationen zu den gewählten Kursen, das zusätzliche Arbeitsmaterial und alle Assessmentregelungen enthält.
3. Persönliche Weiterentwicklung
Zusammenfassend möchte ich betonen, wie sehr das Auslandssemester nicht nur meinem Studienerfolg zu Gute kam. Es hat mir persönlich den Rücken gestärkt und gezeigt, dass ich mit meiner Berufung auch unter veränderten sozialen und sprachlichen Bedingungen erfolgreich sein kann. Das mehrmalige Auffordern meiner Lektoren doch nach meinem Abschluss wiederzukommen, klingt noch in meinen Ohren. Ich werde auf jeden Fall eine mehrjährige Anstellung im (mindestens europäischen) Ausland anstreben. Persönlich hat mir die veränderte Umgebung über einen schweren Zeitpunkt meines Lebens hinweggeholfen und die persönlichen Beziehungen zu Familie und Freunden durch die Entfernung sogar kostbarer gemacht. Distanz relativiert vieles und öffnet durch intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und dem Leben anderer in tiefen Gesprächen sowie durch gesunde Fremdeinschätzung völlig unbekannter Personen neue Sicht- und Lebensweisen. Mit großem Respekt vor dem Fremden, aber jeder Menge Offenheit bin ich aufgebrochen und durfte auch neben dem Studium das Land und seine Menschen intensiv erleben, wofür ich sehr dankbar bin.
Ich danke ganz herzlich dem Institut Ranke-Heinemann, die mir dieses Auslandssemester durch die wichtige Hilfe im Bewerbungsverfahren und darüberhinaus ermöglicht haben.
Claudia Wätzel