12.02.2004: Perth International Airport. Nach minus 20 Grad Celsius im Winterurlaub vor einer Woche finde ich die 40 Grad hier auch ganz angenehm. Nur mein Pullover, die lange Hose und die festen Schuhe bereiten mir ein wenig Kopfzerbrechen. Am anderen Ende der Welt werde ich von einem Busfahrer erwartet. Nach kurzem Ausharren haben auch die restlichen Neuankömmlinge den Quarantänecheck erfolgreich überstanden und wir fahren in unsere Unterkünfte. Das heißt für mich ins Student Village der Edith Cowan University.
12.02.2004, einige Minuten später: Ich betrete das Haus mit der Nummer 33. Drinnen sitzen Daisaku (ein Vorzeige-Japaner) und Veekramsingh, kurz Vik (mein erster Mauritianer - viele sollten folgen), und unterhalten sich. Später ertappe ich mich oft bei der Frage, wie sich diese beiden eigentlich verstehen können. Der eine spricht in Stichworten und der andere piepst. Aber es waren wohl gerade diese kleinen Schwächen, die ich an ihnen immer so gemocht habe.
13.02.2004: Ich sitze auf dem Campus. Neben mir Kathrin und Sonia. Hinter mir eine der vielen Einführungsveranstaltungen. Ein Professor, der mich stark an irgendeinen Schauspieler erinnert, fragt mich, ob es mir gut geht. Natürlich geht es mir gut. Ich brauch’ nicht viel, und man hat sich mit Sicherheit auch schon weniger um mich gekümmert. Nur dieser Jetlag macht mir zu schaffen. Die Nacht vorm Flug durchzumachen, im Flieger dann versuchen die letzte Hausarbeit für die deutsche Uni zu schreiben, die Zeitverschiebung und die Party letzte Nacht sind einfach zu viel gewesen.
14.02.2004: Ich jage durch Perth. Das nennt sich hier „Amazing Race“. Meine Partnerin heißt Madoka. Und die bringt Glück. Es ist noch ein Platz auf der Fähre zum Ziel des Rennens frei. Zwei Teams suchen nach diesem. Da fällt Madoka Daisaku ein. Sie greift zum Mobiltelefon und lässt ihn uns zu sich lotsen. Ein spitzen Schachzug. Am Endpunkt angekommen schlägt meine große Stunde. Auf der Suche nach den drei australischen Flaggen kommen mir meine alten Sprinterqualitäten zu gute und ich ergattere das letzte Exemplar. Wir sind Dritte. Ich schwitze wie bekloppt. Aber egal, wir haben eine Fahrt auf dem Murray River, mit anschließender Weinverkostung, gewonnen. Ich wollte meinen Teil des Ausflugs immer Daisaku schenken, um ihm und Madoka auf die Sprünge zu helfen. Doch das hat nie geklappt. Wahrscheinlich ist es besser so für ihn.
10.06.2004: Ich bin immer noch 24 und kaufe mein erstes Auto. Es ist ein gelber Ford Falcon Kombi. Baujahr 1983. Kosten: 700 australische Dollar. Total hibbelig fährt Kathrin erstmal den Tank leer. Nach einer ersten Stippvisite in der Werkstatt, rät man uns stark davon ab mit diesem Auto auf Reisen zu gehen. Uns ist es egal. Mit durchschnittlich 50 km/h und Werkstattbesuchen in jedem Dorf, schaffen wir es in zwei Wochen über 4000 Kilometer weit, und somit immerhin bis nach Broome. Dort lassen wir die Karre stehen und nehmen das Flugzeug. Wir hatten die Westküste für uns entdeckt. Das gelbe Vehikel hat übrigens einen Abnehmer gefunden. Zumindest steht es nicht mehr auf dem Platz, auf dem wir es geparkt haben.
27.11.2004: Ich sitze im Auto mit Vik und Daisaku. Die Stimmung ist gedrückt. Wir sind auf dem Weg zum Flughafen. Ich war oft dort. Leute abholen, Leute weg bringen, selbst weg fliegen oder wieder ankommen. Aber heute ist es anders. Trotzdem fühle ich mich wohl. Mit diesen beiden hat es angefangen, und mit ihnen soll es jetzt auch enden. „Wir sehen uns Jungs.“ Und irgendwie weiß ich diese Mal, dass ich es auch ernst meine. Diese Abschiedsphrase ist immer gleich. Aber diesmal halte ich mein Wort.
04.03.2005: Ich bin wieder da. Zurück in Perth. Zum Urlaub, bevor in Berlin der Unistress wieder beginnt. Vik holt mich vom Flughafen ab. Ich drücke ihn. „Welcome back, brother“ entgegnet er mir. Es ist schön wieder hier zu sein. Die Sonne scheint. Ich bin glücklich. Und ich weiß warum.