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Western Australia – You Gotta Love It

„Was klingelt denn da so komisch? Was zum Teufel…? Ach so, mein Wecker – was mein Wecker?!! Oh nein – juhuu – äh – ich bin da!“ Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich in Perth angekommen war. Nur sechs Stunden zuvor war ich von einem kleinen Empfangskommittee, bestehend aus einem Fahrer und zwei international students aus Mauritius, am Flughafen eingesammelt und durch die Dunkelheit zum student village der Edith Cowan University (ECU) im Stadtviertel Mount Lawley gefahren worden. Meine zukünftigen Nachbarn unterbrachen ihre diversen mitternächtlichen Partys in den verschiedenen Units für einige wenige Augenblicke, um meine Ankunft zu verfolgen. Anscheinend kannten sie sich schon alle so halbwegs und meine zwei Begleiter aus Mauritius, Ash und Vick, waren die Stars unter ihnen.
Fix und fertig wie ich war und übermannt von dem Gefühl, etwas großes Neues in meinem Leben zu starten, war ich allerdings nicht in der Lage, mich sofort dem feierfreudigen Getümmel anzuschließen. Um es gleich mal vorweg zu nehmen: das tat ich in einer manchmal beängstigender Regelmäßigkeit vom zweiten Tag an. Auf diese Weise lernte ich innerhalb kürzester Zeit die kleine Gemeinschaft um mich herum kennen. So wurden auch Vick und Ash meine Freunde…
Nachdem ich meine erste Verwirrtheit in der Früh überwunden hatte, klingelte auch schon das Telefon in meiner Unit. In Unterhosen stand „mein alter Schwede“, sprich mein schwedischer Mitbewohner, Fredrik, plötzlich in der Tür, um mir singend mitzuteilen, dass Nico, ein anderer Village-Bewohner an der Strippe wäre. Nico und Sonia hatte ich über die Ranke-Heinemann-Homepage schon im Vorfeld kennen gelernt. Beide waren auch im student village untergekommen – natürlich waren wir alle in verschiedenen Units einquartiert, weil je Unit nur eine Person pro nicht-australischer Nationalität vertreten sein durfte. Insgesamt bewohnten sechs Leute eine Unit, von denen die eine Hälfte weiblich, die andere männlich war. Außerdem achteten die netten Ladys vom housing office streng darauf, dass die 50%-Quote auch hinsichtlich Aussies/Nicht-Aussies eingehalten wurde. So teilte ich mit 165 weiteren Studies das Village, konnte dort jederzeit auf den Video- und Freizeitraum zurückgreifen, nebenan ins Sporty’s gehen oder einfach nur an einem der beiden Seen bzw. im angrenzenden Park relaxen – vorausgesetzt ich musste nicht gerade zur 2-Gehminuten entfernten Uni.
Ich verabredete mich also mit Nico und Sonia für acht Uhr auf dem Campus, wo wir am ersten Tag der orientation week teilnehmen wollten. Die Mitarbeiter der ECU hatten echt ganze Arbeit in Sachen Organisation geleistet. Überall waren volunteers platziert, die uns Neuankömmlinge in die richtigen Räume lotsten. So nahmen wir an verschiedenen workshops teil und erhielten die ersten wichtigen Infos über die Uni, das Leben in Perth und im student village. Die darauf folgenden Tage standen ebenfalls ganz im Zeichen der orientation week. Beim amazing race erkundeten wir den Campus und die Stadt, im Rahmen diverser BBQs lernten wir uns untereinander besser kennen und kostenlose Ausflüge in die Umgebung vermittelten uns einen ersten Eindruck der Schönheit Western Australias. Hmmm, aber die BBQs waren das Beste! So viele leckere Veggie Burgers… „Barbies“ gibt’s übrigens in ganz Australien zu jeder Gelegenheit, also praktisch Tag und Nacht und überall.
Apropos Schönheit… Perth ist eine wunderschöne Stadt. Man möchte gar nicht glauben, dass es sich um eine Millionenstadt handelt – eigentlich ist es mehr ein großes Dorf, in dem jeder jeden kennt. Die Perther Multikulti-Gesesellschaft trifft sich tagsüber an den traumhaften Stränden der Stadt, die allesamt innerhalb von 30-40 Minuten mit dem Bus erreichbar sind. Wobei gesagt werden muss, dass das Bussystem so seine Eigenheiten hat, was heißen soll, dass die Busse durchschnittlich nur bis 19 Uhr fahren und dann auch nur alle Lichtjahre mal. Ein eigenes Auto ist in WA definitiv von Vorteil – solange man sich beim Kauf nicht über’n Tisch ziehen lässt, was ja leicht mal passieren kann bei den ganzen Backpackern, die sich auf dem Automarkt tummeln…
Aber zurück zu den Stränden. Zu meinen persönlichen Favoriten gehörte auf jeden Fall der Cottesloe Beach. Ruhige See und eine süße, kleine Strandpromenade, die an bestimmten Tagen zur Partymeile avanciert, zeichnet den Strand aus. Allerdings wissen auch unzählige Familien mit kleinen Kindern diesen Strand zu schätzen, was ab und zu doch etwas anstrengend sein kein… Absolut Klasse ist auch der Strand in Scarborough. Hier trifft man vor allem viele Surfer und Kiter, die wegen der hohen Wellen und des starken Windes kommen. Der ewig lange Strand ist längst nicht so überlaufen wie Cottesloe und das Durchschnittsalter liegt schätzungsweise bei 26. Allerdings gibt’s dort nicht so viele Leckereien, Cafés und Bars wie in Cottesloe.
Andere Strände wie Mallalloo, City Beach oder der Strand in Fremantle sind auch schön, aber eben nicht so toll wie die erst genannten.
Fremantle – auch ein Kapitel für sich – im positiven Sinne. Von den Aussies liebevoll Freo genannt, ist der kleine Ort, der ca. 30 Minuten (mit der Bahn oder dem Auto) von Perth entfernt ist, eine Oase der Entspannung. Die Zeit läuft hier langsamer als woanders. Das liegt vermutlich an den vielen Hippies, die das Stadtbild dominieren. Perth ist ja nicht gerade berühmt für seine Straßencafés. Aber das ist nicht weiter tragisch. Denn was dort fehlt, gibt’s in Freo en masse. Für jeden ist was dabei: gemütliche Kaffeeschlürfer finden ebenso ein Plätzchen wie flippige Discogänger oder trinkfeste Publiebhaber. Meine perfekten Tage in Freo fingen jedes Mal mit einem Besuch bei Jack, dem Schwert schluckenden Straßenkünstler an, der seinen Stammplatz auf der South Terrace hat. „If you like my show give me some bloody bugs. If you don’t like my show give me even more bloody bugs and I’ll leave you alone!“ Mal entschied ich mich so und mal so. Danach führte mich mein Weg häufig zu den Fremantle Markets oder zu den E-Shed Markets, wo für mich ein kleines Paradies lag. Von Batik-Shirts über indische Gewürze bis hin zur neuesten Aussie-CD gibt’s dort alles zu kaufen. Der Duft von Räucherstäbchen und Fish and Chips liegt ständig in der Luft und das Publikum setzt sich dementsprechend aus Touris, Einheimischen, Hippies, Grufties, alten Leuten, jungen Leuten, Dicken und Dünnen, Europäern, Asiaten und Aboriginal People zusammen. Bei Einbruch der Dunkelheit traf ich meistens irgendwelche Freunde – die ich sehr im Übrigen sehr schnell fand – um mit ihnen auf Freo’s Fress- und Partymeile feiern zu gehen.
Das Nachtleben in Perth ist nicht gerade der Hit. Aber es kommt natürlich auf die persönlichen Geschmäcker an. Junge Leute, die sich gerne mal ins Koma trinken, treffen sich in North Bridge, wo man vor lauter Discos, Clubs und Pubs erst mal gar nicht weiß, wo man hingehen soll. Das Problem löst sich meistens von alleine, wenn man immer der Nase nachgeht. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Immer Richtung foodcourt und man kann sich nicht nur mit den duftenden Köstlichkeiten aus aller Welt den Magen im Hinblick auf eine lange Nacht vollschlagen, sondern landet letztendlich auch mitten in der Jamesstreet, wo’s die verhältnismäßig besten Pubs von Northbridge gibt. Die etwas versnobtere Gesellschaft versammelt sich des Nächtens in Subiaco (wo’s übrigens am Wochenende einen hervorragenden Obst- und Gemüsemarkt gibt) oder in Claremont. Für mich war die Perther Party-Szene immer etwas zu homogen. Egal, wo ich war, musste ich feststellen: die Leute sahen ähnlich aus, verhielten sich ähnlich und hatten die üblichen Standardsprüche parat. Mit ein bisschen Glück und Lust zur Suche, fand ich dennoch die wenigen mir zusagenden Clubs aus dem Nightlife-Wirrwarr heraus und fühlte mich dort pudelwohl.
Nichts desto Trotz bestand mein Leben in Oz nicht ausschließlich aus Strand und Party, sondern auch aus Uni und Lernen. Der ECU-Campus in Mount Lawley ist wirklich toll. Viel Grün und offene Plätze dienen in den Pausen genauso der Entspannung wie die beiden Cafeterias. War ich trotz bestens ausgestatteter Küche in meiner Unit zu faul zum Kochen, hab ich mir einfach was aus der Cafete geholt und in der Hängematte auf unserem Balkon gegessen oder bis zum Abend im Kühlschrank gelagert – immer in der Hoffnung, dass nicht einer meiner gefräßigen Mitbewohner das Fresschen vor meiner Rückkehr entdecken würde.
Die Uni selbst ist – zumindest was den kommunikationswissenschaftlichen Bereich angeht – bestens ausgestattet. Deutsche Unis könnten sich davon echt mal ´ne Scheibe abschneiden! Allerdings fiel’s mir oft schwer mich zu konzentrieren, weil ich ständig gegen Erfrierungen ankämpfen musste. Während es draußen locker 35 Grad hatte, wurden die Räume innen auf gefühlte 5 Grad gekühlt, was mir neben einer fiesen Erkältung gleich in der ersten Woche auch noch tränende Augen bescherte. Grotesk war, dass ich im australischen Hochsommer nur noch mit langer Hose und dickem Winterpulli zur Uni marschiert bin. Ein weiterer negativer Aspekt war das Gerücht, dass ausländische Studenten machen konnten was sie wollten ohne einen Kurs nicht zu bestehen. Unter Studies munkelte man, dass die australischen Unis, die Studiengebühren von Leuten wie uns bräuchten und deshalb generell keinen international student durchrasseln lassen würden. Das schlägt natürlich schon ganz schön auf die Motivation. Ob allerdings was dran ist, hab ich nicht herausgefunden. Ich jedenfalls hab – wie alle anderen Austauschstudenten auch – meine Kurse bestanden.
Die Anforderungen in den classes waren ziemlich hoch. Hier wurde vor allem auf Quantität gesetzt. Durchschnittlich musste ich ein bis zwei presentations pro Kurs halten, zwei assignments abgeben und wöchentlich blogs für’s Internet bzw. Exzerpte der zu lesenden, nicht billig einzukaufenden Bücher erstellen. Am Ende eines jeden Kurses stand schließlich das exam.
Hatte jemand Probleme bei seinen Arbeiten oder auch privater Art, waren die lecturers sofort und jederzeit für ihn da. Gespräche fanden generell auf einer persönlichen Basis statt. Die Anonymität, die den deutschen und österreichischen Universitätsalltag grau und stumpf macht, bekam ich an der ECU keine Sekunde lang zu spüren. Nicht nur an der Uni selbst, sondern auch sonst überall traf ich aufgeschlossene, liebenswürdige Menschen, mit denen ich sofort ins Gespräch gekommen bin. Gut, oftmals blieb es bei oberflächlichen Kontakten, aber ich konnte mich wirklich nicht mit jedem einzelnen Busfahrgast, jedem Strand-Sunny-Boy oder jeder zweiten Verkäuferin anfreunden. Ich genoss es jedenfalls, dass ich immer und überall das Gefühl hatte, willkommen zu sein und mit x-beliebigen Menschen einfach so Gespräche über was auch immer führen konnte. Ich hab aber nicht nur „meine“ Aussies ins Herz geschlossen, sondern auch die wunderbare Natur in der sie leben.
Mein erster Ausflug führte mich zusammen mit Nico und Sonia und einigen anderen Bewohnern des student villages nach Rottnest Island – oder kurz: Rotto. Mit der Fähre ging’s ab über den Swan River vorbei an Freo bis hin zu der kleinen, putzigen Insel, die zwei Leuchttürme ihr Eigen nennt. Mit 11 km Durchmesser bietet sie die perfekte Ein-Tages-Fahrradstrecke. Wunderschöne Strände mit einer beeindruckenden Unterwasserwelt tagsüber und ein kleines, aber feines Partyangebot in der Nacht sind definitiv einen 1-2-Tagestrip wert. Ich verstehe nur nicht, warum Menschen es noch vor 30 Jahren als Sport betrachteten, die niedlichen Quakkas (rattenähnliche Beuteltiere, die’s auf Rotto wie Sand am Meer gibt) meterweit über die Insel zu treten. Zugegebenermaßen können diese Tierchen schon manchmal nerven, wenn sie durch die Hintertüre Deines Bungalows kommen oder einfach ungefragt im Zelt aufkreuzen, in der Hoffnung, was Essbares zu ergattern. Aber lange böse sein konnte ihnen deshalb niemand von uns – sie sind einfach zu süß. Richtig schockiert war ich dann als ich hörte, wie die ersten britischen Siedler die Aboriginal People auf der Insel misshandelt und deportiert hatten. Das Schlimmste ist, dass so etwas auch an sehr vielen anderen Orten auf dem Festland am laufenden Band passierte. Überbleibsel aus diesen grausamen Zeiten sind unter anderem das Roundhouse in Freo oder der Prison Tree in Derby, weit im Norden von WA. Beides diente als Gefängnis und Folterkammer für die indigene Bevölkerung.
Den Trip in den Norden machten wir übrigens nach unserem Semester in Perth – mit einer der bereits erwähnten Backpackerkarren. In Broome mussten wir schließlich das Auto stehen lassen, nachdem wir davor jede Werksatt zwischen Perth und Derby angefahren hatten. Was haben wir gelacht auf unserer Reise! Den Süden hatten wir bereits während des midsemester breaks erkundet. Das Reisen war jedes Mal Natur pur in Kombination mit den verrücktesten Erlebnissen und mindestens ebenso verrückten Leuten, die wir unterwegs trafen.
Vielleicht werde ich eines Tages mal ein Buch darüber schreiben. Wer weiß?
Sicher ist auf jeden Fall, dass jeder, der einmal in Oz war, immer wieder hin möchte und das so oft, so lang und so schnell es geht. Ich bin da keine Ausnahme!

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© by Institut Ranke-Heinemann - Studium/Studieren in Australien und Neuseeland, 2010