Erfahrungsbericht
Im Februar diesen Jahres ging für mich endlich ein langersehnter Traum in Erfüllung: Ich würde für ein halbes Jahr in Australien leben, studieren und reisen. Obwohl die Vorbereitung meines Auslandssemesters aufwendig war, haben sich doch alle Mühen mehr als gelohnt. Ich hoffe, mein Erfahrungsbericht kann all denjenigen einige Tipps geben, die das Gleiche vorhaben.
1.) Planung
Ungefähr ein Jahr, bevor ich mein Auslandssemester absolvieren wollte, habe ich mit den Vorbereitungen begonnen. Es ist wirklich ratsam, genügend Zeit dafür einzuplanen, um spätere Enttäuschungen über verpasste Deadlines etc. zu vermeiden. Nehmt euch Zeit für die Auswahl der Uni und informiert euch über evt. Austauschprogramme eurer Uni in Deutschland. Wer es schafft, in ein solches Programm aufgenommen zu werden, darf in die Luft springen und laut „hurra“ rufen, denn dann übernimmt die Uni i.d.R. die (nicht wirklich studentenfreundlichen) Studiengebühren und hilft bei der Organisation. Wer nicht das Glück haben sollte, muss selbst alles arrangieren. Aber keine Sorge! Das klingt schlimmer, als es ist! Ich will zwar keine Schleichwerbung machen, aber ich empfehle trotzdem jedem, die Angebote vom Institut Ranke-Heinemann in Anspruch zu nehmen und euch dadurch viel Papierkram zu ersparen.
2.) Finanzierung
Die Finanzierung sollte schon von Anfang an geklärt sein, denn ein großer Teil der Gesamtkosten fällt schon vor dem eigentlichen Studienbeginn an. Dazu gehören z.B. die hohen Studiengebühren und die Flugkosten. Die Lebenshaltungskosten in Australien entsprechen etwa denen in Deutschland, trotzdem ist es besser, vorsichtshalber etwas mehr einzuplanen. Wer viel reisen möchte, sollte auch dafür noch finanziell „gewappnet“ sein. Noch ein Hinweis für diejenigen, die auf Auslandsbafög angewiesen sind: Obwohl die Anträge spätestens 6 Monate vor Beginn des Auslandssemesters beim Bafögamt des Studentenwerks Marburg vorliegen müssen, erfolgt die Auszahlung erst nach der offiziellen Einschreibung an der Uni, also zu einem Zeitpunkt, zu dem ihr schon in Australien seid. In meinem Fall habe ich das Geld erst 4 Wochen vor meinem Rückflug erhalten. Deshalb verlasst euch lieber nicht zu sehr auf die überaus freundlichen, hilfsbereiten und schnellen Mitarbeiter des Studentenwerks Marburg und macht euch auf einen endlosen Papierkrieg gefasst.
3.) Melbourne
Melbourne gilt zwar als eine der „europäischsten“ aller australischen Städte, aber mal abgesehen von einigen alten viktorianischen Bauten hat mich persönlich nicht so viel an europäische oder gar deutsche Großstädte erinnert. Aber das macht Melbourne umso attraktiver! Die Stadt erstreckt sich entlang des Yarra River und besticht durch sehr viel Grün und ihre unterschiedlichen Stadtteile. Das Zentrum ist rasterförmig angelegt und somit auch für Orientierungslose leicht zu erkunden. Die inneren Stadtteile, wie z.B. Fitzroy, Richmond, Prahran oder South Yarra zeichnen sich durch eine hohe Restaurant-, Café-, Kneipen- und Clubdichte aus und sollten von allen Nachtschwärmern gründlichst „untersucht“ werden. Mein Favorit ist immer noch das bunte St.Kilda, direkt am Strand!
Typisch für alle australischen Großstädte sind die ausgedehnten Vororte, die sich direkt an das Zentrum anschließen und kilometerweit hinziehen. Per Zug, Tram oder Bus sind alle Vororte mit dem Zentrum verbunden. Nicht so toll sind allerdings deren Preise! Deswegen sollte jeder Student, sobald er an der Uni offiziell eingeschrieben ist, eine „Concession Card“ beantragen, mit der man zum halben Preis fahren kann. Ein weiterer Nachteil der öffentlichen Verkehrsmittel ist, dass sie meist nur tagsüber verkehren. Die Tram fährt beispielsweise nur bis ca. 11 Uhr abends. Wer nachts unterwegs ist, sollte sich überlegen, ob vielleicht eher ein Taxi in Frage kommt. Das ist übrigens nicht so teuer wie in Deutschland, vor allem, wenn man die Kosten mit anderen Leuten teilt.
4.) Deakin University
Ich habe mich für die Deakin University im Melbourner Vorort Burwood entschieden und habe diese Wahl auch nicht bereut. Was mir besonders an der Uni gefallen hat, ist die gute Betreuung der ausländischen Studenten, die Serviceorientierung und der lockere Umgang von Professoren und Studenten. Am Anfang fand ich es schon komisch, meine Professoren mit dem Vornamen anzusprechen, aber nach einer Weile gewöhnt man sich auch daran.
Der Hauptcampus in Burwood ist wirklich riesig und es ist ratsam, sich den Lageplan der Gebäude runterzuladen, damit man am ersten Tag auch am richtigen Ort ankommt. Der Campus bietet alles, was das Studentenherz begehrt: Caféterien und Einkaufsmöglichkeiten, ein Fitnesscenter, Ruheräume, PC-Pools etc. sowie unzählige kostenlose Serviceangebote, wie z.B. Workshops zur Verbesserung der akademischen Fähigkeiten, Karriereplanung, Rechtsberatung usw. Kostenlos ist auch der Besuch eines Arztes oder einer Krankenschwester im Gesundheitszentrum.
Nicht verpassen solltet ihr weiterhin den „Orientation Trip“, der ebenfalls kostenlos für alle neuen internationalen Studenten angeboten wird. Auf dieser 3-tägigen Reise während der Einführungswoche geht es entweder nach Lorne an der Great Ocean Road (Semester 1) oder in die Grampians (Semester 2). Hier bekommt ihr viele wichtige Infos rund um Uni und Studium, lernt viele andere Gaststudenten kennen und bekommt gleich zu Beginn eures Aufenthaltes die Möglichkeit, Australiens wunderschöne Landschaften zu erleben.
4.) Studium
Das Studium an der Deakin University fiel mir überraschenderweise leichter als erwartet. Trotz Sprachschwierigkeiten und ungewohntem Uni-System gewöhnt man sich doch schnell ein. Ich war an der Faculty of Arts eingeschrieben, an der es eigentlich recht locker zuging. Auch die Benotung war weniger streng, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Um als Vollzeit-Student anerkannt zu werden, muss man 3-4 units (= Lehrveranstaltungen) belegen. Wenn es eure Uni in Deutschland erlaubt, empfehle ich, euch nur für 3 units einzuschreiben, dann habt ihr mehr Freizeit und könnt euch den schönen Dingen des Lebens widmen ;o)! Ein unit setzt sich i.d.R. aus einer Vorlesung und einem Tutorium zusammen, die unterschiedlich lang sein können. Eigenständiges Lernen und Arbeiten wird groß geschrieben an der Deakin University, aber die Professoren und Mitarbeiter sind meistens ganz nett und helfen auch bei Problemen. Die Studienleistungen werden in Form von Essays, Tests oder Klausuren erbracht, auch Gruppenarbeiten sind vor allem bei den Professoren der Wirtschafts-wissenschaften sehr beliebt.
5.) Wohnung
Eine Unterkunft in Melbourne zu finden, ist gar nicht so schwer, wie es sich vielleicht anhört. Meine Empfehlung ist, die ersten Tage in einem günstigen Backpackers oder Youth Hostel zu verbringen (wird auf Wunsch von der Uni organisiert) und dann vor Ort auf Wohnungssuche zu gehen. Zimmer in einer WG sind eigentlich immer zu finden, allerdings gilt auch hier: Wer die Möglichkeit hat, schon eine Weile vor Semesterbeginn nach Melbourne zu fliegen, hat die größte Auswahl. Die Durchschnittsmiete für ein Zimmer liegt bei ungefähr 100-120 AUD (entspricht 60-75 €) pro Woche. Achtung, die Miete wird in Australien in der Regel nicht monatlich, sondern wöchentlich fällig!
Bei der Wohnungssuche hilft auch gerne die Uni weiter. DUSA (Deakin University Student Association) beschäftigt z.B. so eine Art eigenen „Immobilienmakler\" und bis jetzt hat jeder ein Dach über dem Kopf gefunden.
Eine weitere Möglichkeit ist die „student residence\", das Studentenwohnheim. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Campus und nimmt sowohl australische als auch ausländische Studenten auf. Allerdings ist die Nachfrage groß und ein Platz kann nicht garantiert werden, da besonders Erstsemester bevorzugt werden. Außerdem kostet ein Wohnplatz wesentlich mehr als ein Zimmer in einer privaten WG. Bewerbungsformulare für das Wohnheim gibt´s online über die website der Deakin Uni.
Die dritte Möglichkeit ist das International House, eine Art privates Studentenwohnheim nur für ausländische Studenten. Es ist zwar noch teurer, als die „student residence\", ist dafür aber auch super ausgestattet mit eigenem Pool, Fitnessraum, Barbecue, Internetzugang etc. und nur zehn Minuten von der Uni entfernt. Auf jeden Fall ist das „I-House\" ein toller Ort, um Leute aus aller Welt treffen. Ich persönlich hab nur gute Erinnerungen daran, weil ich dort meinen Freund kennengelernt habe ;o)!
Noch ein Hinweis für diejenigen, die vorhaben, in erster Linie das Melbourner Nachtleben zu studieren: In Burwood steppt nicht gerade der Bär! Hier herrscht „sweet suburbia\" und von ein paar Restaurants abgesehen, ist Burwood ziemlich „trocken\" – dafür aber eben ein guter Ort zum Studieren. Wer gerne abends weggehen will, sollte sich überlegen, eine Wohnung in einem der zentrumsnahen Vororte zu suchen. Camberwell mit seinen vielen, kleinen Kneipen ist z.B. bei Studenten beliebt, allerdings müsst ihr dann jedes Mal bis zur Uni 20-30 min. Fahrzeit mit der Tram einplanen und deren Preise sind wie schon gesagt ziemlich hoch.
6.) Reisen
…ist definitiv das Beste und Schönste, was man in Australien machen kann, vom Studieren natürlich mal abgesehen ;o). Dabei kann man auf Reisen auch ganz viel lernen, z.B. dass die Flut auch an den idyllischsten Stränden tückisch zuschlagen kann oder dass eine kleine, unscheinbare Wurzel einen Mazda samt Insassen für unbestimmte Zeit lahm legen kann! Außerdem sollte man nie die Entfernungen unterschätzen, vor allem, wenn man in abgelegenen Regionen unterwegs ist! Auf Handyempfang braucht ihr außerhalb der Städte und größeren Ortschaften auch nicht hoffen. Deshalb ist es sicherer, nicht alleine unterwegs zu sein und immer jemanden Bescheid zu sagen, wo man hin will und wann man wiederkommen wird. Australien ist fast so groß wie Europa und wer viel sehen will, sollte viel Zeit mitbringen. Allerdings muss man gar nicht so weit weg von Melbourne, um einige der schönsten Orte zu besuchen. Die Great Ocean Road mit den einmaligen „Twelve Apostles“ oder Phillipp Island, bekannt durch die allabendliche „Penguin-Parade“, sind in 1-2 Stunden zu erreichen und lohnen sich damit auch für einen Wochenendausflug. Wer lieber abseits vom üblichen Touristengewimmel auf Entdeckungsreise gehen will, dem empfehle ich Wilson´s Promontory, einen der schönsten australischen Nationalparks mit seinen versteckten Buchten und weißen Sandstränden. Wer gerne klettert oder wandert, ist in den Grampians, etwa 3-4 Stunden nordwestlich von Melbourne, genau richtig.
Auch preislich gesehen ist das Reisen in Australien günstiger als in Deutschland, vor allem wenn es um Campingausrüstung oder Mietwagen geht. Wer ein bisschen im Internet „recherchiert“, kann durchaus das eine oder andere Schnäppchen finden. Das Angebot an betreuten Touren und Ausflügen ist riesig, meist sind diese aber etwas teurer, als eine selbst organisierte Reise. Schaut z.B. mal auf der website von V-Line vorbei. Dort gibt es relativ günstige Zug- und Bustickets für ganz Victoria.
Auf jeden Fall solltet ihr die Angebote eurer Uni nutzen, denn diese bieten Reisen für ihre Studenten meist zu einem unschlagbaren Preis an. Die Deakin University Student Association (DUSA) bietet z.B. regelmäßig Trips ins Outback, nach Tasmanien, Neuseeland usw. an, während der „Beach Club“ der Deakin Uni monatlich die schönsten Strände rund um Melbourne abklappert.
Allen Reiselustigen empfehle ich, sich die aktuelle Australien-Ausgabe von lonely planet zu besorgen – auch wenn die ganz schön teuer ist. Aber dort findet ihr jedes noch so abgelegene Fleckchen und alle Infos, die ihr dazu braucht. Was nicht im lonely planet steht, ist eine Reise nicht wert!
Ich hoffe, mein Erfahrungsbericht konnte euch einen ersten Eindruck vermitteln von dem, was euch in Australien erwartet. Ich kann nur jedem raten, diese Chance zu nutzen und wünsche allen viel Spaß und tolle Erlebnisse Bei weiteren Fragen könnt ihr mir gerne eine e-mail an tina.krauss@gmail.com schicken.
Tina